supercharged – die Geiger Corvette ZR1

München, da denkt man an Weißwurst, Wiesn und Weißbier, sowie Brezn, Leberkässemmel, Frauenkirche, Viktualienmarkt und den Englischen Garten. Natürlich auch an Dirndl und Lederhose. Doch eines vergisst man meistens: den V8.


Dabei wird der Städtetrip erst mit einem Besuch in der Truderingerstraße 265 vollkommen. Dort, wo das Benzin noch fließen darf, wo Leistung noch Leidenschaft und kein Stirnrunzeln entfacht, wo Männer wieder Kinder sein dürfen.


Tür an Tür stehen sie da, soweit das Auge reicht und egal ob Camaro, Mustang, Challenger, Charger, RAM, F150, Hummer, Escalade, Corvette oder Cadillac, der Karl hat sie alle. Doch für uns hat er etwas ganz besonderes vorbereitet: die ZR1, mit der sein Team die 2010er Tuner-GP auf dem Hockenheimring gewonnen hat.


Die aktuelle ZR1 ist ohne Zweifel die beste Vette aller Zeiten. Mit ihrem GFK-Body ist sie ihrem Konzept treu geblieben, ebenso wie mit ihrem Blattfederlayout an der Hinterachse, doch aus dem schön anzuschauenden Cruiser der Generation C1 und C2, wie aus dem etwas halbstarken Generationen C3 und C4 ist die Evolution der Corvette bei der C6 an ihrem Höhepunkt angelangt. Das halbseidene Image hat sie nach und nach abgelegt, statt längs- kann sie nun auch noch sensationell querfahren und selbst in Sachen Verbrauch muss sich der Sportler aus Kentucky nicht mehr vor der Konkurrenz fürchten.


Doch eigentlich interessiert das bei der ZR1 nur nebensächlich. Denn in der Hauptsache geht es bei diesem grauen Monster um das kleine Wort unter der Modellbezeichnung: supercharged. Als ob 6162cm³ verteilt auf acht Brennräume nicht auch saugend schon genug Leistung produzieren würden, montiert man ihm im Werk noch einen modernen Eaton TVS-Schraubenkompressor zwischen das Zylinder-V und lässt die Ansaugluft mit 0.72bar Überdruck die Titanventile passieren.


Das Ergebnis ist atemberaubend. 647PS und 819Nm schüttelt die Vette ganz lässig aus dem Ärmel und lässt damit ganz normal die versammelte Riege der bekannten Sportler stehen. Höchstens Ausnahmetalente wie ein Ferrari 599, ein Porsche GT2 RS oder ein Lamborghini Murciélago LP 670 haben eine Chance gegen die große Vette.


Dabei hat das Fahren mit der ZR1 so gar nichts Außergewöhnliches. Die Kupplung kommt zwar bestimmt, aber weder ist ein besonders starker Tritt erforderlich, noch muss man den V8 mit Gaseinsatz vor dem Absterben bewahren. Innerorts machen höchstens die Ausmaße von Motorhaube und Hinterteil das Leben schwer, denn das Aggregat begnügt sich auch mit stop-and-go-Bummeltempo. Überhaupt fühlt sich in der Corvette nichts nach Askese an, zwar hat Geiger die kommoden Serienstühle gegen ein paar Schalenexemplare aus dem Motorsport getauscht, doch Klimaautomatik, Head-up-Display und sämtliche weiteren Komfort-Features sind weiterhin an Bord des US-Sportlers.


Wenn aber das Ortsschild fällt und der lichte Verkehr die Landstraßen der Münchner Peripherie freigibt, muss der Fahrer nur noch drei Dinge tun: Knöpfchen am Schalthebel drücken (öffnet das Bypass-Ventil an der Auspuffanlage), Schalthebel in den Zweier lupfen und dann das Fahrpedal in den Endanschlag bringen.


Was dann passiert ist mit Worten nur schwer zu beschreiben. Hat man das Winden nach Traktion („snaken“) der Hinterachse in den Griff bekommen, ist dem sich plötzlich in Zeitlupe bewegendem Daewoo Matiz ausgewichen und hat die Fuhre nach erreichen des Drehzahlbegrenzers im Dreier wieder zusammengebremst, spielt sich in der Blutbahn des Fahrers unglaubliches. Es ist ein Cocktail aus Endorphin, Adrenalin und einem gehörigen Schuss Testoreon, der bei Zartbesaiteten wohl auch zur Ohnmacht langt – bei Ungeübten verursacht es zumindest weiche Knie. Und dabei sind wir nur geraudeaus gefahren.


Aber München-Trudering ist leider nicht die Eifel und Hatzenbach, Ex-Mühle wie auch Kallenhard sucht man vergebens. Einzig eine schnelle Platzrunde um das lokale Kieswerk lässt das Kurventalent des kompressorgeladenen Supersportlers aufblitzen. Die Corvette biegt dank der 285er Bereifung an der Vorderachse nicht nur sehr direkt ab, sie dreht sich beim Gaslupfen auch freudig in die Kurve. Zwar könnte die Lenkung ein wenig spitzer reagieren, aber wem sie zu wenig Agilität bietet, der kann sich dank der 819Nm und einem Lamellensperrdifferenzial auch auf eine lenkende Hinterachse verlassen. (Fahrern, bei denen eine lebendige Hinterachse für geweitete Augen und feuchte Handflächen sorgt, sei gesagt, dass die Kombination aus Active Handling System und 325mm messenden Michelin Pilot Sport an der Hinterhand in den meisten Fällen für eine sichere Seitenführung sorgt.)


Zurück auf dem Hof fällt der Blick auf das Äußere der ZR1. Sie verkneift sich die große Show und nur der Carbonspoiler vorne, das Leichtbaudach, sowie die riesigen Keramikbremsscheiben zeugen vom Topmodell. Die schnelle Vette ist gerade im dunklen Grau des Testwagens nicht mehr so aufreizend wie früher.


Beim Preis bleibt jedoch alles beim Alten: mit 135.990 EUR Listenpreis ist die ZR1 ein echtes Sonderangebot. Die fahrleistungstechnische Konkurrenz kostet meist mehr als das doppelte und die Gegner aus dem Preisumfeld um 120.000 EUR können der 330km/h schnellen Amerikanerin das Wasser bei Weitem nicht reichen.


Noch günstiger geht es sogar bei den Lagerfahrzeugen in Trudering, für 129.990 EUR verkauft Karl Geiger noch zwei Fahrzeuge aus dem aktuellen Modelljahr. Ohne Zulassung und ohne Kilometer – dafür mit viel Fahrspaß. Nicht nur in und um München!

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