Vollstrecker – der Opel Corsa OPC Nürburgring Edition

Vergessen wir, was wir bisher über Opel gedacht haben. Vergessen wir, was wir bisher über frontgetriebene Kleinwagen gedacht haben. Vergessen wir, was wir bisher über Sportreifen gedacht haben – huldigen wir dem Lamellensperrdifferenzial.


Und den verwegenen Männern in langen Kitteln, die dieses mechanische Wunderwerk in das Getriebe des Opel Corsa implantiert haben. Böse Männer müssen das sein. Solche, die einen breiten Commodore GSE in der Garage stehen haben, direkt neben Manta 400 und Lotus Omega. Männer, die sich „Wir sind Opel“ nicht auf gelbe Shirts drucken müssen, weil Sie den Blitz zeit Jahrzehnten ganz tief auf der Brust tätowiert haben.

In ihrer Halle muss der Corsa OPC Nürburgring Edition das Licht der Welt erblickt haben. Fernab von Lastenheften, Vorstandsbeschlüssen und sonstiger Weichwascherei. Dort, wo früher Hauben mattschwarz lackiert wurden und gigantische Weber-Gasfabriken auf 2-Liter-Motoren geschraubt wurden, deren Nockenwellen sich nicht um Dinge wie Laufruhe und Gasannahme gekümmert haben, sondern nur ein Ziel hatten: maximales Feuer.


Denn genau darum geht es im stärksten Serien-Corsa aller Zeiten auch, maximales Feuer. Ein Auto, das all den MINI JCW, Citroen DS3 Racing, Renault Clio RS und Polo GTI zeigen soll, dass sie es in Rüsselsheim noch richtig im Griff haben. Und wie.

Was haben wir geschmunzelt, als der grüne Testwagen in seiner etwas aufgepumpten Comic-Optik auf uralten Continental Sport-Contact 2 in der Redaktions-Garage ankam. „Das“ soll das schärfste Eisen unter den Kleinwagen sein? Wohl kaum. Aber schon nach den ersten Metern zeigte sich warum ein Redakteur kein Ingenieur ist und Therorie und Praxis dann doch weiter auseinanderliegen, als es schöne technische Datenblätter glauben lassen.

Das Bilstein-Fahrwerk erlaubt sich keine Scherze, knochentrocken informiert es Dich so exakt wie irgend möglich über den Zustand der Straße. Einstellknopf, adaptive Dämpfer? Alles Spielzeug. Entweder ein Fahrwerk funktioniert oder eben nicht. So auch bei den Bremsen. Eine Vierkolben-Brembo mit feinster Dosierbarkeit ist genau richtig für den OPC. Keine übertriebene Servounterstützung, keine Show-Lochung, einfach ein großes Stück Metall in das sich die Beläge bei Bedarf auch lange und heftig verbeißen können.


Weiter geht es mit der Bereifung. Gut, 18 Zoll im Durchmesser sind schon ein wenig arg auf einem Kleinwagen, ruiniert der große Hebel doch in nicht wenigen Fällen die Fahrwerksgeometrie, man scheint das aber elegant gelöst zu haben in Rüsselsheim, denn wir haben nichts Schlechtes feststellen können. Da das leichte Metall zudem geschmiedet und nicht gegossen wurde, fallen die ungefederten Massen trotz der enormen Größe nicht besonders negativ ins Gewicht. Ihren wahren Vorteil spielen die Felgen aber bei der montierbaren Reifenbreite aus – mit 225er Gummis ist Opel ganz weit vorne was die Reifenauflage betrifft.


Denn der Grip, den die Nürburgring Edition aufbaut ist wirklich einzigartig in der Klasse der kleinen Kraftmeier. Man kann in Kurven nicht nur absurd früh den vollen Ladedruck loslassen, sondern auch tief in der Einlenkzone noch auf der Bremse stehen – die Nürburgring Edition lässt das alles kalt. Da wedelt kein Heck, da schmiert keine Vorderachse weg, er folgt einfach Deiner Linie. Und sollte der Gaseinsatz doch einmal zu heftig gewesen sein, zwingt man den Opel einfach in eine engere Linie. Die Contis richten den Rest.


Sicher, dem OPC fehlt vielleicht ein wenig die Feinnervigkeit eines Clio RS, doch dafür hat er diesen unnachahmlichen Turbopunch, mit dem er dem französischem Konkurrent schon wenige Meter nach dem Kurvenausgang die Rücklichter zeigt. Und es ist genau diese „hau-drauf“-Mentalität, die wir so lange vermisst haben und die uns süchtig gemacht hat. Da passt es ins Bild, dass der Motor auch seine Schwachstellen hat. Unten raus geht er nicht besonders und ganz oben fehlt im auch ein wenig der Esprit, aber in Summe macht er immer schnell. Ein Arbeitstier eben, kein Showstar.


Aus diesem Grund müssen wir auch die Optik des grünen Sondermodells ein wenig kritisieren. Mit seinen Spoilerchen, Spiegelaufstellern und Chromspangen sieht der OPC-Corsa ein wenig nach Spielzeugauto aus. Das will nicht wirklich zu seinen Eigenschaften passen, denn infantil ist so ziemlich das letzte Adjektiv, das man dem Opel nach zwei Wochen intensiver Auseinandersetzung anhängen möchte. Aber scheinbar hatten die Männer aus der Garage nur wenig Kontakt mit den metrosexuellen Schalträgern aus der Designetage.


Das Aussehen ist aber ein kleines Übel im Hinblick auf die überragende Performance des Nürburgring-Corsas. Denn es hat einfach große Freude gemacht seit langer Zeit mal wieder ein Auto bewegen zu dürfen, dessen einziger Zweck der Fahrspaß ist. Keine Marketing-Sportlichkeit, kein Komfort-Chichi, keine Verstellknöpfe und sonstiger Unsinn, einfach erdige Performance. So simpel, so gut. Wie ein Sperrdifferenzial.

An dieser Stelle noch ein freundlicher Gruß an den Fahrer des silbernen M3 mit den Schweizer Kennzeichen, der uns noch milde lächelnd am Tiergarten überholte und dann nach erfolgloser Gegenwehr in der feuchten Mutkurve passieren ließ – machen Sie sich nichts draus, das hätte jedem passieren können. Denn der Corsa OPC Nürburgring Edition ist kein Showstar, er ist ein Vollstrecker. Da darf er sich auf der Nordschleife auch 40 Liter Höchstoktaniges in die Brennräume schütten…

Text: Fabian Mechtel
Bilder: Andreas Wiezorek

Und wir stehen mit unserer Meinung zum Vollstrecker nicht alleine da, denn auch die werten Kollegen aus dem vereinigten Königreich teilen unsere Meinung. Hier der Auszug aus den diesjährigen Top Gear Awards 2011. Kategorie “Hot Hatch of the year 2011″:

We know. We didn’t expext this, either. Even in (and let’s be honest about this) a less-than-vintage year for hot hatches, a special edition with asplash of extra power an a few decals shouldn’t have been enough to turn the ageing, average Corsa VXR into our hot hatch of the year. But the ‘Ring Edition is something special. The addition of classy Bilstein dampers, new springs and, most tellingly, a limited-slip diff transforms the Corsa VXR into a hot hatch with freakish cornering power – a welcome antidote to the festival of understeer provided by most fast FWD cars. Attack a fast right-hand bend with sufficient bravery, and the Corsa clings on hard enough to drag your face off the side of your head, until your right eyehole is over your left eye, your mouth is halfway down your neck and breathing is very difficult. Yes, it’s expensive, and, yes, it still has a whiff of imitation Burberry, but for raw hot-hatch entertainment, nothing’s come close in 2011.

Words: Sam Philip

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