Genie und Wahnsinn – Lancia Delta 1.9 Multijet Biturbo

Die Marke der Ingenieure. Und des guten Geschmacks. Das ist Lancia. Ob Aurelia, Flaminia, Flavia oder Fulvia. Die Turiner hatten nicht nur immer etwas Besonderes fürs Auge, sondern auch meist faszinierende technische Ideen.

Nach der großen Ära der Sportwagen mit D24 und D50 begann man in den Siebzigern dann mit dem Siegeszug auf den Rallyepisten. Unvergessen der legendäre Stratos, der heckgetriebene 037 und zu guter Letzt der kantige Delta Integrale, der für die Konkurrenz für Jahre nicht zu schlagen war. Ein Lancia war nicht nur schön, sondern auch schnell. Und verwegen. Was wir nicht nur auf seine Zuverlässigkeitslaunen beziehen.

Doch irgendwann kam die neue Konzernmutter Fiat auf die Idee, dass Lancia ein neues Image gebrauchen könnte. Weg vom Sport und hin zum Luxus. Schnell wurden die Autos schwülstiger, die Sitzbezüge plüschiger und die Ausrichtung der Marke so schwammig wie die Fahrwerksabstimmungen. Aber wir wollen nicht ins das allgemeine Wehklagen einstimmen wie gut doch früher alles gewesen ist. Der Blick nach vorn und das Abwerfen von Altlasten kann auch etwas Gutes haben. Denn am Beispiel Saab sieht man, wohin das Festhalten an überholten Traditionen in der umtriebigen Neuzeit führen kann.

Altlasten Abwerfen. Den Blick schärfen. Sonst geht man unter. Siehe Saab.

Deshalb setzen wir uns heute völlig unvoreingenommen mit dem Lancia Delta auseinander. Gut, ganz unvoreingenommen natürlich nicht, denn so ganz ohne Leistung geht es dann doch nicht, weshalb natürlich nur der große Diesel mit seinen ordentlichen 190PS und saftigen 400Nm in Frage kam. Es scheint nämlich, als gäbe es abseits der Teppich- und Designetage noch eine Abteilung, in der weise Männer bei Espresso und gutem Essen den alten Geist noch weiterleben lassen. Anders ist es nämlich nicht zu erklären, warum sich ein solches Juwel des Motorenbaus nur im Lancia-Regal findet.

Wenn Diesel, dann richtig. Zwar nur vier Zylinder mit knappen zwei Litern Hubraum, dafür aber zwei Turbolader, die in Registerschaltung zu jeder Drehzahl um bestmögliche Füllung der Zylinder besorgt sind. Und so macht der schicke Delta nicht nur beim Anschauen Spaß, sondern auch beim Angasen. Ein Turboloch im klassischen Sinne gibt es nicht, wenn auch die obligatorische Gedenksekunden beim Gaseinsatz bleibt. Mit der Kupplung kann man diese Eigenschaft aber locker ausgleichen. Denn ab 1500 Umdrehungen greift der schöne Turiner schon richtig durch und wird erst müde, wenn der Drehzahlmesser die 4500er-Marke hinter sich gelassen hat. Im sechsten Gang kann bei günstigem Streckenverlauf dann auch schonmal die 250 auf der Tachoskala stehen. Und damit übertreibt der Lancia nicht einmal, wie die per GPS gemessene Höchstgeschwindigkeit von 242km/h beweist.

Ja, es ist ein Ölmotor. Aber was für einer.

Dass der Verbraucht dabei nicht über Gebühr steigt spricht abermals für den gelungenen Entwurf der Italiener. 7,4 Liter Diesel auf 100km verlangte der Delta in unserem Testschnitt.  Doch auch wenn die Ausstattungsvarianten nach edlen Metallen benannt sind, ist nicht alles Gold was glänzt. So ist die Fahrwerksabstimmung den Möglichkeiten des Motors nicht immer gewachsen. Im Alltag noch angenehm komfortabel, fällt die weiche Charakteristik im hohen Geschwindigkeitsbereich unangenehm auf. Man wirkt etwas vom Geschehen abgekoppelt, woran die elektrische Servolenkung aber auch einen nicht geringen Anteil hat. Das Wort Rückmeldung scheint im Lastenheft der Entwickler nicht aufgetaucht zu sein.

Doch es sind diese Kleinigkeiten, die zum Lancia passen. Weil man es erwartet. Perfektion ist den Italienern ein Fremdwort und irgendwie ist das gut so. Denn so bleibt Raum für Charakter. Genie und Wahnsinn liegen oft sehr nah beieinander. Im Innenraum zum Beispiel: Auf der einen Seite ist da das handschuhweiche Leder von Poltrona Frau, das sich nicht nur kontrastvernäht an Sitzen und Armaturenbrett wiederfindet, sondern auch die liebevolle indirekte Beleuchtung der Schalterleiste auf der Mittelkonsole. So etwas können nur die Italiener. Das Navigationssystem kann seine Herkunft ebenfalls nicht verleugnen. Eine derartig unverständliche Bedienung, gepaart mit altbackener Grafik und überholter Rechenleistung findet man andernorts selten.

Genie und Wahnsinn. Im Innenraum sehr nah beieinander.

Aber das macht alles nichts. Einfach dem modernen Infotainment entsagen, eine CD (ja, irgendwie wirkt das schon ein bisschen altbacken) einlegen, play drücken und sich von den 400Nm und dem Fahrwerk in der Komfort-Stellung über die Autobahn tragen lassen. Und dabei ganz lässig alle Gegner aus der Golfklasse hinter sich lassen. Genau wie früher. Als der Delta noch Integrale hieß, 15 Liter Hochoktaniges verbrannte und mehr in der Werkstatt, als auf der Straße stand. Es war eben doch nicht alles besser…

Die komplette – und diesmal wirklich unbedingt sehenswerte, weil spektakuläre – Bildergalerie zum Test finden Sie wie immer im Flickr-Stream von Andy Wiezorek.

Text: fm
Bilder: aw

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