Chance, verpasst – der VW Beetle Fender Edition

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie eine Mail bekommen, deren Betreff allein ausreicht, um die Endorphin-Produktion in den Grenzbereich zu treiben, und dann umso ernüchterter feststellen, dass das Ganze am Ende des Textes doch irgendwie in die völlig falsche Richtung läuft? Die klassische herbe Enttäuschung eben.


Nicht schlecht haben wir gestaunt, als im vergangenen Jahr der klavierlackschwarze VW Beetle im Fender-Kit auf der IAA stand. Zwar war klar, dass die US-Marke sich zum Einstieg in die Kategorie der Fahrzeug-Lautsprechersysteme nicht nur ein besonderes Auto, sondern auch ein besonderes Konzept einfallen lassen musste, das Gezeigte hat dennoch überrascht.

Der Fender-Beetle war eine Überraschung, nein, ein Traum!

Eine Headunit zum Träumen: Im Stil eines 1968er Fender Super Reverb Silverface-Verstärkers, schmeichelte nicht nur gebürstetes Metall dem Auge, sondern auch der feinmaschige Bezugsstoff, der früher die vier 10-Zoll Jensen-Speaker verdeckte. Das im Zentrum des Geschehens ein iPhone anstelle eines Telefunken-Receivers steht, erinnerte dann aber doch wieder an das Jahr 2011.

Zumindest solange, bis das Auge an einem eher unscheinbaren rechteckigen Kasten unter der Windschutzscheiben hängenblieb, auf dem ein unübersehbarer Fender-Schriftzug prangte. Das sei der Röhrenverstärker, instruierte uns die fröhlich auf ihrem ums Handgelenk geschnallten iPad tippende Dame, die uns sogleich mit weiteren Features des Sondermodells versorgen wollte. Doch zu spät, da war die Tür schon zu, das eigene iPhone in die Halterung genestelt und der On-Button gedrückt. R-Ö-H-R-E-N-V-E-R-S-T-Ä-R-K-E-R!

Beschlagene Frontscheibe? Einfach die Musik lauter drehen.

Die vier Glaskolben glühten so verführerisch durch die Abdeckung auf dem Armaturenbrett, dass das Durchsuchen des Musikarchivs etwas in Hektik ausartete. Pink Floyds neu gemasterte Dark Side Of The Moon durfte dann Time zum ersten Test an die Endstufe schicken und das Ergebnis war schlicht ergreifend: Fett im Keller, knackig, mit dem richtigen Punch in der Mitte und fein auflösend in den Höhen – so muss ein Soundsystem klingen, das den Namen Fender auf den Lautsprechercovern stehen hat.

Es folgten Tracks von Slash über This Will Destroy You, bis hin zu Bloc Party. Dann aber wurde die Dame außerhalb des Autos sichtlich nervös und gab uns unmissverständlich zu verstehen, dass auch noch andere Kollegen eine Anhörung der Studie wünschten. Es blieb also nur noch Zeit für den Blick über das fantastische sunburst-Armaturenbrett, die netten Fender-Stickereien in den Türtaschen und ein berherzter Griff in die Cupholdermulde, der uns eine Hand voll Fender-medium-Plektren mit VW-Beetle-Schriftzügen bescherte.

Doch als wäre das Klangerlebnis nicht atemberaubend genug gewesen, offenbarte der Blick in den Kofferraum noch eine weitere Überraschung: der Subwoofer, der seiner Arbeit mehr als überzeugend nachging, entpuppte sich zugleich als vollwertiger Gitarrenverstärker. Bereit über einen großen Klinkeanschluss, Gain-, Bass-, Treble- und Volumeregler die Lieblings-Strat an die Leine zu nehmen, um auch live auf dem Parkplatz so richtig Gas zu geben.

“Ja, wir haben die Statistik gefälscht. Aus gutem Grund!”

Selbstredend verbrachten wir den restlichen Messetag damit, das Ergebnis der VW-Markstudie durch unzählbares Mehrfachausfüllen dahingehend zu fälschen, dass die Studie Realität werden kann. Denn auch nach unseren unmoralischsten Angeboten blieb man hart und verwehrte uns die Bitte, den Käfer doch gleich hier und jetzt von der Messe entführen zu dürfen.

Und so kannte unsere Freude keine Grenze, als wir vor wenigen Tagen die Mail mit den Presseneuheiten des VW-Konzerns auf der AMI Leipzig zugeschickt bekamen. Ein Sticker-Sondermodell vom Scirocco, ein etwas aufgeplusterter CC und, ja, tatsächlich, unser Fender-Beetle. Er hatte es also in die Serie geschafft. Schnell die Kollegen zusammen-getrommelt, den Bänker angerufen um die Finanzierung zu stemmen, die Doppelkarte ausgedruckt und dann, ja dann haben wir das Innenraumbild gesehen.

Und schon war sie da, die herbe Enttäuschung.

Röhrenverstärker? Nichts, statt-dessen eine Ablage für Kleingeld und andere Dinge, die sich bei Kurven-geschwindigkeiten über 35km/h sowieso in den Fußraum verabschieden. Bedienpanel im coolen Verstärker-Look? Nichts, stattdessen das dröge Radionavi. Aktiv getriebene Lautsprecher und Subwoofer mit Gitarreneingang? Nichts, stattdessen das herkömmliche Fender-Soundsystem, dessen 400 Watt-Leistung keinen Roadie vom Hocker reißen. Was blieb ist das Armaturenbrett im „zweifarbigen Holzdesign vieler Fender-Gitarren“. Und es ist genau dieser Satz der zeigt, warum der Fender-Beetle nie so gebaut werden konnte, wie er auf der Messe stand.

Die Masse kann mit Begriffen wie sunburst, Röhre, Celestion-Lautsprechern und single-coil nichts anfangen. Das ist mehr als schade, denn es waren diese kleinen Details aus vergangenen Tagen, die den Beetle wieder in die Zeit des Käfers zurückversetzt hätten. Aber die Nachfrage regelt eben das Angebot. Und für ein paar Wahnsinnige kann ein Weltkonzern kein eigenes Modell an den Markt bringen. Dem reicht es, dass sich die Zielgruppe, die sich morgens gerne die Augen ein wenig dunkler schminkt, auf dem Weg zur Arbeit so richtig nach hartem rock’n’roll fühlt, wenn sie im start-stoppenden-Beetle Lady Gaga hört…

Bilder: Andy Wiezorek, Werk
Text: FM

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