Rauscht im Rausch – der Opel Astra OPC

Zuerst denkst du instinktiv an einen Defekt. Jetzt muss der voll abgerufene Ladedruck gerade irgendwelche Schläuche zerrissen haben. Anders lässt sich das infernalische Vollgas-Auspuffrauschen des neue Astra OPC beim ersten Hören nicht erklären.

«jet noise», so habe man diese Soundtuning-Maßnahme getauft, erklärt der verantwortliche Entwickler später stolz. Man wolle so das «Druckvolle» des neuen Antriebs unterstreichen. Gerechtfertigt ist das durchaus, denn soviel Kraft wie im neuen OPC gibt es in der Kompaktklasse aktuell nirgendwo sonst.

Das zeigt der Opel auch optisch: mit tiefer Frontschürze, riesigen Lufteinlässen und mächtigen Auspuffrohren. Natürlich fehlen auch ein adäquater Dachspoiler und passende Alufelgen nicht. Gegen Aufpreis füllen sogar geschmiedete 20-Zöller die feisten Radhäuser des Rüsselsheimers. Und die grosse Auflagefläche der 245/35er-Pirellis ist auch nötig, schliesslich wollen 400Nm an der Vorderachse gebändigt werden. Standardantriebs-Jünger brauchen hier aber nicht gleich abzuwinken, denn die Opel-Ingenieure haben ganze Arbeit geleistet. Mit der HiPerStrut getauften Vorderachse wurden Spreizung und Lenkrollradius derartig verringert, dass der OPC trotz seiner 280 PS nicht an der Lenkung zerrt und eine präzise und unmittelbare Rückmeldung garantiert. Dazu kommt noch das Lamellen-Sperrdifferential von Drexler, dass bei der schlupffreien Kraftübertragung behilflich ist.

Eine Sperre und eine clevere Achskinematik. Und schon ist auch ein Frontantrieb schön schnell.

Natürlich könnten wir jetzt auch noch über die verschiedenen Modi des FlexRide-Fahrwerks und das Watt-Gestänge der Hinterachse philosophieren, doch konzentrieren wir uns lieber auf die Wirkung als auf die Ursachen. Denn der neue Astra OPC fährt richtig fein. Kraftvoll tritt er untenrum an, protzt in der Mitte mit seinem fetten Drehmoment und verliert auch oben heraus nicht an Esprit. Die Vierkolben-Brembos kümmern sich dank ihrer 355er-Scheiben jederzeit verlässlich um die nötige Entschleunigung und lassen dich den Opel perfekt am Kurveneingang positionieren.

Dort lenkt er zackig ein, die Hinterachse bleibt stoisch in Position und auch bei vollem Leistungseinsatz lässt sich der Astra nicht aus der Ruhe bringen. Diese Neutralität schafft Vertrauen und so ist man mit dem Rüsselsheimer schon nach kurzer Zeit mit einem unglaublichen Tempo unterwegs. Es gibt keine Überraschungen, keine Unschärfen, der OPC ist einfach schnell und präzis. Selbst bekannte Talente wie die RS-Modelle vor Renault und Ford können das nicht besser und erkaufen ihre Sportlichkeit zudem mit einer Härte, die dem Opel dank seinen verstellbarer Flex-Ride-Dämpfung fremd ist. Denn trotz der riesigen Rädern und den flachen Reifen bietet er in der Standard-Stellung einen überraschenden Abrollkomfort. Daran haben auch die formidablen OPC-eigenen Schalensitze ihren Anteil, denn sie bieten nicht nur packenden Seitenhalt, sondern auch ordentlichen Komfort.

Überhaupt macht der Opel im Innenraum vieles richtig. Die Verarbeitungsqualität stimmt und die Ausstattung ist erfreulich komplett. Gegen Aufpreis findet sich auch eine Fülle moderner Fahrerassistenzen an Bord, doch Schildererkennung und Spurverlassenswarnung sind eigentlich fehl am Platz im stärksten Astra aller Zeiten. Denn er will nicht der entspannte Begleiter für lange Etappen sein, er möchte dein Partner auf der Jagd nach der Bestzeit werden.

Assistenzsysteme? Gas, Bremse und Lenkrad. Das reicht.

Und so schärfen wir seine Sinne mit Druck auf den OPC-Button in der Mittelkonsole noch einmal so richtig nach, spannen die Zweite ein und lassen den vollen Ladedruck von der Kette. Ekstatisch lässt der Astra die komprimierte Verbrennungsluft durch die Trapezendrohre fauchen, die Tachonadel schiebt sich zügig in dreistellige Bereiche und der Kurventanz kann von Neuem beginnen. Und sollte der Lenker den Zweiliter-Turbo vor der Kurve einmal zu forsch ausgewunden haben, so stellt ihn der OPC auch bei einer Angstbremsung in der Kurve nicht vor unlösbare Aufgaben. Und für das Gros der Fahrer sollte diese Eigenschaft von grosser Hilfe sein, auch wenn sie es selbst natürlich nie zugeben würden.

Für Überraschungen sorgt der Opel hingegen auf der Autobahn, denn der Fahrer des weissen BMW 1M Coupé, der seiner zarten Beifahrerin zeigen wollte, wie leicht sich so ein Opel auf der Autobahn doch abschütteln lässt, war sichtlich überrascht, nachdem sich der blaue OPC bei Tacho 270 langsam am Münchner vorbeigepresst hatte. Dass man dabei nicht auf die Verbrauchsanzeige achten sollte, versteht sich von selbst. Denn die im Prospekt angegebenen 8.1 Liter auf hundert Kilometer reichen bei derartiger Nutzung nicht einmal für die Hälfte der Strecke. Wo Qualm ist, muss eben auch Feuer sein…

Text: Fabian Mechtel
Bilder: Charlie Magee

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