Glühender Drehzahlmesser – der Audi RS4 Avant

Es hat uns versaut, den Blick für das Wesentliche verlieren lassen und die Sinne abgestumpft. Die Rede ist vom Drehmoment. Wenn das nicht ab Leerlaufdrehzahl in großen Wogen an die Räder schwemmt, nicht ab dem Anrollen an der Ampel das Profil von den Reifen föhnt, sind wir gelangweilt.

Eh klar, denn wenn das Schaltempfehlunglämpchen bereits bei 1800 Touren hektisch blinkend dazu mahnt die nächsthöhere Gangstufe einzulegen, dann sollte es bis dahin wenigstens etwas vorangegangen sein – sonst hätte man ja gleich Bahn fahren können. Also werden die Motoren aufgeladen. Doppelt. Dreifach. Überhaupt. Manchmal greift gar ein Kompressor oder ein Elektromotor ein, um den Start zu beschleunigen.

Fein, nicht grob. So will der Audi RS4 sein.

Schön umweltfreundlich ist das, fein hingegen nicht. Oder haben sie einen Chirurgen schon mal mit der Axt arbeiten sehen? Nein, wir auch nicht. Und wir bevorzugen, ganz wie der Mann in weiß, das Skalpell. Ein Präzisionswerkzeug: groß in der Rückmeldung, exakt in der Ausführung. Fein, nicht grob – so will auch der neue Audi RS4 Avant sein. Und wir waren dann auch ein wenig entzückt, als das Datenblatt nicht etwa einen modernen Aufgeblasenen unter der Haube auswies, sondern den entzückenden 4.2er FSI, der sich seinen Luft noch von ganz allein in die Brennräume saugen darf.

Natürlich, auf der Autobahn in der Siebten und im Bummeltempo zieht Dich am Ende des Tempolimits beinahe der schnelle Vertreter-Passat ab, doch dann flipperst Du Dich einfach in die dritte Stufe des s-Tronic-Doppelkupplungsgetriebes. Ein siegesgewisses Tier wird freudig aufbrüllen und Dich derartig vorwärtsreißen, dass Dir Sehen und vor allem Hören vergeht.

Der lange Arm des Flottenverbrauchs wird das brüllende Tier dahinraffen.

Denn der Sound, der einem klassischen V8 bei 8500 Umdrehungen und komplett auf Durchzug stehenden Drosselklappen entweicht, hat einfach immer wieder etwas Ergreifendes. Und so ein bisschen hat man das Gefühl, dass dieses Geräusch bald für immer verstummen wird, wenn der lange Arm des Flottenverbrauchs auch die in nur homöopathischen Dosen verkauften Sportmodelle erreicht. Aber hier oben, auf einer sensationellen Passstraße zwischen Edelschrott und Übelbach in der Steiermark, kann der 4.2er noch einmal voll aufspielen.

Irgendwie haben wir es geschafft sämtliche Systeme auf „dynamic“ zu stellen – was einige Zeit dauert, denn man kann für Motor, Lenkung, Getriebe, Hinterachsdifferenzial und Fahrwerk einzelne Abstimmungen wählen, um den RS4 danach so richtig von der Kette zu lassen. Und das macht er erstaunlich gut. Für einen Kombi. Natürlich bremst sich ein 911er tiefer in die Biegung, lenkt ein M3 eine Spur direkter ein, doch hat man im RS4 Avant während dieser Übung eben nicht nur Frau, sondern auch Kind, Schwiegermutter, Hund und ein paar Ski mit an Bord.

active oversteer. Besser als vier Gaspedale zu bedienen.

Es ist diese Wandelbarkeit, die den neuen Sportkombi aus Ingolstadt auszeichnet. Klar ist er groß und damit, trotz aller Leicht-baumaßnahmen, auch schwer. Bei Bedarf ist er aber dennoch unglaublich schnell. Das neue quattro-Layout mit Kronenrad-differenzial und einer Kraftverteilung von 60:40 zu Gunsten der Hinterachse, ein Sportdifferenzial an der Hinterachse, das für eine Art „active oversteer“ sorgt und die zwar nicht besonders fein zu dosierenden, dafür aber nimmermüden Keramikbremsen, machen den RS4 bei Bedarf zu einem wirklich talentierten Sportler. Vor allem aber einem Gutmütigen. Die genannten Fahrdynamiksysteme spielen dem Fahrer nicht nur auf der Landstraße, sondern auch auf der Rennstrecke in die Karten. Radselektive Momentenverteilung klingt zwar furchtbar langweilig, hilft aber ungemein. Müsste man sonst doch praktisch vier Gaspedale bedienen, während man am Lenkrad mit der Reaktion eines Walter Röhrl kurbelt. Fortschritt und Effizienz sind also nicht immer schlecht.

Das zeigt sich auch, wenn man den Komfort-Knopf drückt und den RS4 damit zur Mäßigung ruft. Unauffällig und zurückhaltend erledigt er dann alle Aufgaben des Alltags. Zuckelt im letzten Gang genügsam vor sich hin. Bis Du ihn das nächste Mal in die 8000er schickst. Dann ist er sofort da. Springt Dich an, schiebt Dich immer wieder in höchste Geschwindigkeitsbereiche bis der Drehzahlmesser glüht. Diesen Motor aufs Abstellgleis schieben? Selbst schuld, denkt sich der 4.2er und rotzt beim Zurückschalten noch einmal klanggewaltig ein paar Tropfen Kraftstoff in den Auspuff, um sich nach der Kehre wieder dem Begrenzer entgegen zu fräsen.

Der Drehzahlmesser glüht. Das wir das noch einmal erleben dürfen.

Allein deshalb finden wir den Audi RS4 Avant gut. Natürlich ist er nicht perfekt, doch sein Motor kommt dem Ideal schon sehr nah. Und es ist schön, dass er in diesem Umfeld und dem heutigen Zeitgeist noch einmal derartig von der Leine darf.

Bilder: Fabian Mechtel
Text: Fabian Mechtel

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