Aufschnitt – das neue M3 Cabriolet.

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Vor 20 Jahren gab es das erste M3 Cabriolet. Im seligen E30 tobte vorne der grandiose S14-Vierzylinder aus den glorreichen DTM Zeiten und hinten tobte der Wind in den Haaren. Über die Jahre legte das M3 Cabriolet zu und zwar an Gewicht, Größe, Luxus, aber auch Leistung. In den Sechszylindern der Baureihen E36 und E46 konnte der M3-Kunde erstmals ein aus dem Rennsport abgeleitetes sequenzielles Getriebe ordern, das in der letzten Ausbaustufe die morgendliche Fahrt zur Arbeit mit professionellen Zwischengasstößen begleitete. Diese Entwicklung ist bezeichnend für den M3. Er verlor an Rohheit und Kanten, ohne jedoch je an Präzision und Schnelligkeit zu verlieren. Der M3 wurde von Generation zu Generation schneller, doch der Fahrer hatte daran immer weniger Anteil. Clevere Elektronik, perfekte Balance und ein motivierter Motor bügelten jeden Fehler aus – nur halfen sie nicht dem Charakter.

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Einem alten M3 entstieg man mit verschwitztem Hemd, feuchten Händen und glänzenden Augen. Heute glänzen höchstens die polierten Felgen, denn der gefühlte Anteil am „Erlebnis M3“ ist denkbar klein geworden und das Cabriolet macht die Sache nicht einfacher…

Wo ist der Sinn eines mit allen Kniffen geschärften Sportmotors, einer radikalen Fahrwerksgeometrie und einem knackig kurz abgestimmten Getriebe mit Sperrdifferenzial, wenn man offen durch sonnige Landschaften bummelt?
Okay, es gibt sicher M3-Fahrer, die gerne mit offenem Dach quer durch die Sachskurve driften, aber der echte Sportfahrer stört sich eher am zusätzlichen Gewicht, welches die Versteifungen und die komplexe Mechanik des faltbaren Blechdaches mit sich bringen.

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Die Zielgruppe des M3 Cabriolets scheint aus diesem Grund etwas unklar. Beim Offenfahren kommt es nicht auf die letzten Zehntel an, sondern auf gelassenes Bummeln und Genuß. Ein 335i Cabrio oder gar ein Alpina B3 Cabrio mit ihren Biturbo-Sechszylindern beherrschen diese Disziplin weit besser, weil unaufgeregter als das M3-Cabrio. Niemand dreht sein Cabrio bei der sonntäglichen Ausfahrt ständig über 8000 Umdrehungen oder braucht ein variables Sperrdifferenzial, weil er quer in jede Landstraßenkurve fährt.
Natürlich gab es schon seit jeher eine offene Version des M3, doch schauen Sie sich die Zulassungszahlen der Baureihen einmal an: Ein M3 E30 Cabriolet ist sehr selten zu finden, denn damals konnte kaum jemand etwas damit anfangen. Es gab keinen Grund einen offenen Rennwagen zu kaufen.

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Heute sieht die Situation anders aus. Ein M3 Cabriolet wird nicht für die Zeitenjagd auf der Haus- oder Rundstrecke, sondern zum „Gesehen-werden“ auf dem Boulevard gekauft.
Am besten flaniert es sich in Kombination mit dem neuen 7-Gang M Doppelkupplungsgetriebe mit DriveLogic, das nach dem Genfer Salon im März für 3800 EUR Aufpreis zu haben sein wird. Ähnlich wie bei den bisher bekannten Pendants kümmern sich hier zwei Kupplungen um den zugkraftunterbrechungsfreien Gangwechsel, damit man maximale Performance bei minimalem Bedienaufwand ermöglichen kann. Wie bei den alten SMG-Getrieben sind sowohl im Automatik-, als auch im manuellen Modus mehrere Stufen der Gangwechselschärfe, Schaltgeschwindigkeit und Schaltdrehzahl anwählbar.
Ergänzt wird die Steuerung zum Beispiel durch Feinheiten, wie das sanfte Öffnen der aktiven Kupplung bei zu großem Motorschleppmoment um ein Ausbrechen des Hecks zu verhindern, oder einem Low-Speed-Assistenten, der das Rangieren bei Geschwindigkeiten unter 5km/h ähnlich einer Wandlerautomatik ermöglicht.
Wenn aber im Pressetext von einer „auf Wunsch sportlichen Rückschaltperformance mit Zwischengas“ die Rede ist, sind wir wieder bei der Musik. Das Gros der Kunden wird sich an den Komfortfeatures des neuen Hochtechnologie-Getriebes erfreuen, den reduzierten Bedienaufwand loben und nebenbei vergessen, was ein Doppelkupplungsgetriebe dem M3 wirklich bringt. Schalten unter Last und ohne Zugkraftunterbrechung um auf der Geraden die letzten Zehntel zu finden, ideale Gangspreizungen um in Kombination mit dem elastischen Motor fantastische Beschleunigungen zu ermöglichen und beim Zurückschalten die Portion Zwischengas, die den Wagen vor der Kurve von Lastwechselmomenten befreit.
Wahrscheinlich wird das aber nie ein Kunde bemerken – jedoch schon eher, dass bei offenem Dach kein Golfbag in den Kofferraum des M3 Cabriolets passt. Dies ist vielleicht der Wink eines mitfühlenden Ingenieurs, der seiner brillianten Rennsporttechnik das schnöde Warten auf dem Kies des Clubparkplatzes ersparen wollte…



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