Charakter erfahren – der Lancia Ypsilon Sport Momo 1.3 multijet 16V

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Was macht ein Automobil begehrenswert? Schönheit, Schnelligkeit, Stärke oder gar Exklusivität? Weit gefehlt, denn erst der Charakter macht ein Auto begehrenswert.
“Halt“ werden alle Ferraristi und Porsche-Enthusiasten rufen, denn „gerade unsere Autos haben Charakter“! Haben sie? Sicher, einem 250 Lusso oder gar einem California Spyder SWB kann man ihn nicht absprechen, sind sie in ihrer Grazie und Muße doch unerreichbar. Sie fordern ihre Piloten heute mit liebenswerten Allüren der automobilen Vorzeit, die den technoiden Perfektionisten wie 997 turbo oder F430 F1 völlig fremd sind. Den Scheckkartenschlüssel in der Tasche, ein kurzer Druck auf einen möglichst roten Starterknopf und das Triebwerk läuft. Mit Hilfe des festplattengestützten Multimediasystem werden schnell noch die passenden Kennfelder für Motor, Getriebe, Dämpfer, Schlupfkontrolle, Sitzheizung und Massagefunktion angewählt und nach dem optisch und akustisch unterstützten Ausparkvorgang kann – selbstredend mit aktiver „toter Winkel“-Überwachung – die Autofahrt beginnen. Und sie ist es im wahrsten Sinne des Wortes, eine AUTOfahrt. Der Fortschritt und die Suche nach der Perfektion in allen Ehren, doch ist es nicht das Unvollständige, das „nicht perfekte“ das uns so magisch anzieht und den wahren Reiz ausmacht?

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Kommen wir deshalb zum Lancia Ypsilon. Nicht lachen, wir wollen nicht das Klischee des ewig liegen bleibenden Italieners bedienen, sondern es soll um die Begehrlichkeit gehen, die dieser interessante Kleinwagen weckt.
Seine Klasse ist hart umkämpft, die Platzhirsche Polo und Corsa lassen wenig Raum für Konkurrenz. Durchdacht, ausgefeilt und solide stellen sie sich allen Aufgaben der individuellen Fortbewegung. Scheinbar frei von Fehlern, aber auch frei von Flair. Ganz anders hingegen der Ypsilon. Er kombiniert sein tiefes, satt glänzendes Schwarz der Karosserie mit einem Dach in mattem Titan. Die zweifarbigen, filigran gezeichneten 16 Zoll Alufelgen unterstreichen den edlen Look genauso, wie der dunkel chromglänzende Kühlergrill und die extravaganten Rückleuchten ganz in weiß.

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Der Lancia lässt das Herz des Kleinwagenfahrers schon beim Anblick des Äußeren höher schlagen – vom Innenraum haben wir noch gar nicht gesprochen.
Die Sitze tragen eine edle Kombination aus Leder und feinem Alcantara und die silbernen Kontrastnähte zitieren den Alulook der Bedienelemente.

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Die Ausstattung mit Zwei-Zonen-Klimaautomatik, Panoramaglasschiebedach, Radio/CD mit Equalizer und MP3-Unterstützung, sowie USB und Aux-In und einer sprachgesteuerten Bluetooth-Freisprecheinrichtung unterstreicht den opulenten Eindruck des Ypsilons. Derart ausstaffiert und mit dem getesteten großen Dieselmotor nähert sich der Lancia zwar bedrohlich der 20.000 EUR Schallmauer, aber vergleichbare Konkurrenzmodelle gibt es auch nicht günstiger.

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Da aber wie eingangs erwähnt der Reiz nicht vom Aussehen, sondern vom Charakter bestimmt wird, gilt es diesen nun auszumachen:
Reinsetzen, Schlüssel rum und los – vergiss es. Der Anlasser müht sich redlich, doch bringt er den 1300er Multijet nicht in Wallung. Vorglühen, weißt du noch? Er braucht nur 2-3 Sekunden, aber durchreißen allein klappt nicht. Nachdem der Motor endlich läuft, findet man dann nach einigem Suchen im etwas weitläufigen Getriebe auch endlich den Rückwärtsgang und kann mit dem Ausparken beginnen. Die Servolenkung agiert dabei hausfrauenfreundlich soft und lässt sich bei Bedarf durch Druck auf die City-Taste noch weiter erleichtern. Ähnlich stark unterstützt wie die Lenkung ist auch die Bremsanlage, denn bloßes Fußabstellen auf dem mittleren Pedal kommt bereits einer mittleren Notbremsung gleich. Nach kurzer Eingewöhnungszeit kann man diese Eigenschaften aber ideal zum innerstädtischen „rushhour-hopping“ nutzen und wird dabei vom quirligen Motor und dem passend übersetzten Getriebe bestens unterstützt.

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Überhaupt, das Getriebe, zwar scheint mit dem Hochlegen des Schalthebels die Präzision etwas abhanden gekommen zu sein, doch wenigstens liegt der gut in der Hand und ist griffgünstig nah am Lenkrad. Die Übersetzung der fünf Gänge ist herrlich kurz und animiert zu sportlicher Fahrweise. Ein Turboloch gibt es nicht und sowieso hält den MOMO-Sport Ypsilon nichts im Drehzahlkeller. Hemmungslos zerren die Vorderräder bei vollem Leistungseinsatz an der Lenkung, denn die „italienisch“ abgestimmte Traktionskontrolle lässt den Lancia im Gegensatz zu ihrer deutschen Schlupfwächterkonkurrenz fröhlich mit den Hufen scharren. Man hat bereits nach den ersten Kilometern das Gefühl, dass der klassische angespitzte 1.3 Liter Diesel (großer Turbo, großer LLK, und reduzierte Verdichtung) eher dem lustvollen Bolzen zugeneigt ist als dem faden Nahverkehrsgezuckel.

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Umso mehr überrascht der Verbrauch, denn über 6.8 Liter pro 100 Kilometer sind nur machbar, wenn man den Turbo bei Autobahndauervollgas glühen lässt. Beim Mitschwimmen in der Stadt und Überland fällt der Verbrauch deutlich unter 6 Liter und bewegte sich im Testschnitt bei 5.4 Litern. Mit etwas Zurückhaltung sind auf weitläufigen Landstrassen auch Werte unter 5 Litern zu erreichen. Bedenkt man das vorherrschende Drehzahlniveau, dass so gar nicht zur „wir reduzieren spaßarm CO2“-Riege passen will sind diese Werte wirklich bemerkenswert, vor allem aber, wenn man den Momo mal wirklich bei den Hörnern nimmt. Kaum ein Kleinwagen kann ihm bei Zwischenspurt von 100 auf 150km/h folgen und auch darüber spielt der kleine Lancia mit großen Tricks. Sein do-it-yourself-streamlining beginnt bei 160km/h, wenn die Scheibenwischer sich sanft von der Scheibe abzuheben beginnen und sich dem Wind nur noch minimal entgegenstellen. Weitere 20km/h später klappt er seinen linken Außenspiegel an um die bestmögliche Windschlüpfrigkeit auf dem Weg zur magischen 200km/h Marke zu erreichen. Bei knappen 205km/h laut Tacho ließen wir es dann bewenden, denn der sprühende Motor kommt dem roten Bereich in diesen Geschwindigkeitsregionen bedrohlich nahe und wir wollen seinen Sportsgeist schließlich noch lange genießen, zudem sind derlei Rasereien dann doch nicht die Kerndomäne des Lancias. Ist sein Fahrwerk in der Stadt noch angenehme straff und zielgenau lässt es auf der Autobahn schon etwas an Präzision vermissen und die bis zur Gefühllosigkeit unterstützte DuoSelect-Lenkung verschlimmert diesen Eindruck noch.

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Dennoch ist der Lancia Ypsilon in der Momo Edition ein erfrischend dynamischer Kleinwagen, der mit seinen Eigenarten die schnöde, lastenheft-geformte Konkurrenz blass aussehen lässt. Da er trotz allem Chic und Pep noch sparsam und erschwinglich ist bleibt zu hoffen, dass er in Zukunft von mehr Käufern als bisher berücksichtigt wird. Autofahren ist neben Auto schließlich auch ganz viel fahren – und das kann der Ypsilon wie kaum ein Anderer in seiner Klasse!

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