marketing masterpiece – der „echte“ Mini JCW

Der Mini, das beste Beispiel wie modernes Brandmarketing aussehen muss. Schon die erste Version des Remakes traf den Nerv der Lifestyle-Generation auf den Punkt.
Endlich ein neues Objekt, an dem man seine eigene Kreativität zur Schau stellen konnte, denn der Mini war praktisch in jedem Detail individualisier- und veränderbar. Eine Tristesse aus Grau in Grau – wie bei der Konkurrenz so oft üblich – gab es im New Mini nicht. Das all diese Veränderungen Euro um Euro kosteten ging in der Aufrüst-Euphorie scheinbar ganz unter, denn sonst erscheint es schwer zu erklären, wie BMW den teuren Mini an die Heerscharen von Kunden verkaufen konnte.

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Nach fünf Jahren Bauzeit wurde es dann aber auch Zeit für neuen Schwung, der Hype war abgeklungen und der harte Alltag kam zum Vorschein. Zu hart gefedert, zu wenig Platz, zu hoher Verbrauch und teilweise deutliche Qualitätsmängel – der Mini verlor an Glanz. Der Modellwechsel machte alles ein wenig besser. Noch größere Abmessungen, ein ausgewogeneres Fahrwerk und sparsamere Triebwerke sollten den Erfolg fortführen. Der Zuspruch zeugte davon, dass der Neue alle Erwartungen erfüllen konnte. Alle? Ein kleiner Teil der Mini-Fangemeinde konnte sich mit dem neuen Großen nicht anfreunden. Das alte Topmodell Cooper S JCW brachte es mit seinem kompressor-geladenen Motor immerhin auf 210PS und dagegen erschienen die 175PS des Turbo-Cooper S doch etwas mickrig. Zwar tauchte in der Preisliste eine John Cooper Works Leistungssteigerung auf, aber auch deren 192PS entfachten keine Begeisterungsstürme, schließlich handelte es sich nur um ein modifiziertes Kennfeld und im alten JCW gab es ein Komplettprogramm mit Motor, Fahrwerk und Bremsanlage. BMW aber gab zu verstehen, dass es bei diesem Modell bleibt und begrub die Hoffnungen auf einen „echten“ Works.
“Schade, dann nehmen wir eben den 192er und gönnen uns dafür Aerodynamikpaket, Recarositze und die ganze Carbon-Klaviatur“ – dachten die Enttäuschten und unterzeichneten den Kaufvertrag.

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Als Marketingprofi ist Ihnen der geniale Trick sicher aufgefallen: Man dementiert das in Planung befindliche Topmodell, um den Kunden das Vorhandene schmackhaft zu machen.
Ganz nebenbei kann man ihm dann noch teure Extras umhängen, auf die er beim logischerweise teureren Topmodell vielleicht verzichtet hätte.
Das es natürlich genau dieser Kunde ist, der bei der Präsentation des neuen JCW auf dem Genfer Salon in diesen Tagen mit Tränen in den Augen auf der Messe steht und danach seinen Stage I Works für den „Echten“ in Zahlung gibt, ist auch klar und freut den Hersteller doppelt, da er aus einem Wahnsinnigen zwei Autos herausschlagen konnte. Natürlich geht das nur, wenn man das JCW Paket nicht zum Nachrüsten anbietet, wie es noch beim R53 der Fall war. Um diese Tatsache vertreten zu können hat man beim neuen Häuptling im Mini-Rudel aber wenigstens tief in die fahrdynamische Trickkiste gegriffen.

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Der 1.6 Liter Vierzylinder entspricht mit Direkteinspritzung und TwinScroll-Turbolader dem Stand der Technik und darf sich über weitere muskelbildende Zutaten freuen. Ein durchsatzfreudigerer Luftfilter, polierte Ansaugkanäle, natriumgefüllte Auslassventile, steiferer Zylinderkopf, erleichterte Kolben, reduzierte Verdichtung, gebaute (!) Nockenwelle mit Phasenverstellung, staudruckoptimierter Abgasanlage und ein modifizierter Katalysator lassen aufhorchen. Nominell leistet der neue JCW mit 211PS zwar nur ein PS mehr als der Vorgänger, die bei 1850/min anstehenden 260Nm, die sich im Overboost auf 280Nm erhöhen, sollten aber mehr Druck aus dem Drehzahlkeller erwarten lassen. Dass der Mini trotz dieser Werte die EU5 Norm erfüllt und im Mix nur 6,9 Liter/100km verbrauchen soll mag man deshalb kaum glauben.

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Aber nicht nur beim Motor war man konsequent was die sportliche Ausstattung des Topmodells angeht, sondern auch bei Getriebe, Rädern, Bremse und Elektronik. Das Getriebe ist gegenüber dem Serien Cooper S mit verstärkten Lagern und Wellen versehen um dem erhöhtem Drehmoment Rechnung zu tragen, die 17 Zoll Felgen reduzieren die ungefederten Massen mit einem Gewicht unter 10kg pro Stück deutlich im Vergleich zu den Serienfelgen und auch die Bremsanlage ist nun rennsportlich ausgeführt. Die von Brembo zugelieferten 4 Kolben Festsattelanlage sollte auch Ausflügen auf die Nordschleife gewachsen sein.
Damit der Fahrer die möglichen Längs- und Querbeschleunigen auch jederzeit stressfrei unter Kontrolle hat, bringt der Mini eine Menge netter Elektronikspielereien mit. Die Heraufsetzung der Regelschwelle des DSC zum Beispiel, welche ein Herantasten an den Grenzbereich ermöglicht ohne das System vollständig zu deaktivieren. Auch die Electronic Differential Lock Control ist dem dynamischen Fahren verpflichtet. Mini verspricht mit diesem System beim Herausbeschleunigen aus Kurven ein „angemessenes“ Abbremsen des kurveninneren Rades zu ermöglichen, ohne dabei das Eigenlenkverhalten negativ zu beeinflussen oder die Fahrdynamik zu sehr zu beschneiden. Ob das System besser funktioniert als herkömmliche elektronische Differenzialsperren oder gar eine mechanische Sperre bleibt abzuwarten.
Großes Unverständnis wirft das Fahrwerk auf, denn serienmäßig kommt der JCW Mini nur mit der sportlichen Fahrwerksabstimmung daher. Sowohl das Sportfahrwerk, als auch das JCW-Fahrwerk müssen auf Wunsch extra bezahlt werden. Dies entspricht aber wohl der gängigen Modellpolitik, denn auch im Innenraum lässt man sich fast alles extra honorieren, so sind die Sitze serienmäßig nur mit Stoff bezogen und auch sportliche Gags wie die Schaltpunktanzeige müssen zusätzlich geordert werden.

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Es bleibt also auch beim Topmodell alles beim Alten, frei nach Shakespeare „wie es euch gefällt“ – nur dass sich die Mehrkosten erst auf den zweiten Blick erschließen. Man kann also davon ausgehen, dass die wenigsten Cooper S JCW und Cooper S Clubman JCW für ihre Basispreise von 27.700 EUR, bzw. 29.500 EUR den Showroom verlassen – aber vielleicht ist der Händler ja wenigstens bei der Inzahlungnahme des „Stage I“ JCW großzügig.

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