Millionärs Fuchsschwanz – Mercedes-Benz SL 65 AMG Black Series

Sie fahren einen Mercedes SL und genießen hohen Komfort, gelassenes Offenfahren und haben keinerlei Sportfahrerambitionen? Falls sie diese Frage mit ja beantworten, können Sie beruhigt auf „nächste Seite“ klicken und diesen Artikel links liegen lassen.

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Alle anderen dürfen sich Zeit nehmen den wahnsinnigsten Mercedes aller Zeiten kennen zu lernen.
Da SL bekanntlich „sportlich & leicht“ bedeutet und die aktuelle Generation davon genauso weit entfernt ist wie Sigmar Gabriel von vernünftiger Politik haben sich die schwarzen Männer aus Affalterbach etwas Besonderes einfallen lassen.


Was auf den ersten Blick anmutet wie der wilde Traum eines Azubis im ersten Lehrjahr entpuppt sich nach genauem Hinsehen als durchdachte Fahrmaschine.
Steigen wir direkt mit dem besten Stück des SL 65 Black ein: der Motor. 6.0 Liter aufgeteilt auf 12 Brennräume und von handmontierten Turboladern unter Druck gesetzt. Er produziert dank neuer Abgasanlage, effizienterer Wasserkühlung und größeren Ladeluftkühlern 493 Kilowatt Leistung. 670 PS einfach so mit Straßenzulassung und Werksgarantie. Damit diese keine zu großen Löcher in die Finanzen des Mutterkonzerns reißt musste dennoch das Drehmoment von 1200 möglichen Newtonmetern auf für das Getriebe erträgliche 1000Nm begrenzt werden. Vollgas bedeutet hier deutliche Beeinträchtigungen der Erdrotation – je nachdem in welche Richtung gestartet wird…


Die 3.8 Sekunden von 0-100km/h lesen sich angesichts italienischer Rennpferde nicht wirklich spannend und wir scheinen hier an der derzeitigen Grenze von Traktion und Leistung zu wandeln, doch wenigstens entschädigen die 11 Sekunden von 0-200km/h, denn hier hat der SL 65 kaum einen Gegner zu fürchten.
Für die Übersetzung des Outputs des Kraftwerks im Bug ist die traditionelle 5-Gang Automatik von Mercedes verantwortlich, die sich in entscheidenden Punkten Verbesserungen gefallen lassen musste. Der Wandler zum Beispiel wird für gesteigerte Agilität beim Anfahren mit einer Kupplung überbrückt um direkteren Kraftschluss zu gewährleisten und auch die Schaltprogramme sind nicht mehr sanft und unmerklich sondern hart und schnell. Auch Zwischengas beherrscht der alte Automat um den schwarzen Pfeil beim harten Anbremsen nicht aus der Ruhe zu bringen.


Doch was soll dieser Aufwand bei einem Mercedes-Cabriolet? Nichts, denn es ist kein Cabrio mehr. Um maximale Performance gewährleisten zu können haben sich die Ingenieure keine Tabus geleistet und hemmungslos gespart. 250 Kilogramm haben sie dem SL von den Hüften geschnitten und stattdessen riesige Carbonmuskeln eingepackt. Das feste Dach mit integriertem Überrollbügel besteht komplett aus dem Rennsportmaterial und auch Kofferraumdeckel, Frontsplitter, Heckdiffusor und zahlreiche andere Karosserieteile wurden aus CFK gefertigt. Am auffälligsten jedoch sind die Motorhaube mit ihren riesigen Kühllufteinlässen und die 140 (!) mm verbreiterten Kotflügel.


Der gewonnene Platz wird von Doppelspeichen-Alufelgen in 19 Zoll an der Vorderachse und sogar 20 Zoll an der Hinterachse ausgefüllt. Wer jedoch glaubt, die geschmiedeten Leichtbaufelgen sind nur zu Showzwecken montiert sieht sich auch hier getäuscht: die Karosserieverbreiterung liegt im komplett neuen Fahrwerk des SL Black Series begründet. Keine Airmatic und kein ABC sorgen hier für sänftengleichen Komfort, beim schwarzen Renner kümmert sich ein voll einstellbares Gewindefahrwerk um die Bodenhaftung. „Voll einstellbar“ bedeutet hier aber nicht in irgendeinem Bordmenü an den Dämpferkennlinien zu pfuschen, sondern mit sanften Klicks die Zug- und Druckstufen im High- und Low-Speed-Bereich dem jeweiligen Kurs anzupassen. Auch Radlast, Sturz und Spur lassen sich ganz nach aktuellem Einsatzzweck einstellen und zeigen, dass es die Jungs von AMG durchaus ernst gemeint haben bei der Entwicklung. Dies zeigt auch die komplett neue Kinematik an der Vorderachse: neu entwickelte Federlenker, Schub-, Sturz- und Zugstreben sowie über gewichtsoptimierte Radträger aus Aluminium sind der Beweis, dass hier kein Pseudosportler gezüchtet wurde.


Wer dennoch über die Möglichkeiten des optimierten Fahrwerks hinausgeht, der darf auf ein mechanisches Lamellen-Sperrdifferenzial mit 40% Sperrwirkung vertrauen und auf ein spezielles 3-stufiges ESP, ohne welches das 670PS-Monster in einigen Ländern wohl die Zulassung verwehrt geblieben wäre. Ein Novum für einen Mercedes ist aber die Möglichkeit das elektronische Sicherheitsnetz komplett zu deaktivieren, sodass es auch in Situationen des fahrdynamischen Grenzbereiches nicht mit plötzlichen Interventionen für zerhackte Linien sorgt. Diese Aufgabe wird schon eher den mächtigen Rennbremsen zuteil: gewaltige Sechskolben Festsättel verbeißen sich an der Vorderachse bei Bedarf in 390mm Bremsscheiben und an der Hinterachse sind es immerhin 360mm, die vom 4-Kolbensattel in die Zange genommen werden. Auch die Materialwahl zeigt, dass die Ingenieure keine Kompromisse eingegangen sind, denn von Keramik-Verbundbremsscheiben fehlt jede Spur, stattdessen vertraut man auf bewährte schwimmend gelagerte Stahlscheiben.


Im Innenraum hingegen traten die Renningenieure etwas zurück, denn weder findet man Stromhauptschalter und Schaltblitz, noch Gitterrohrgeflecht. Lediglich formschöne Carbonschalensitze mit Alcantarabezug und das unten abgeflachte Lenkrad entlarven den sportlichsten SL aller Zeiten. Wer jedoch genauer hinschaut erkennt den weißen Drehzahlmesser und die dicken Säulen des Carbondachs, in denen sich der Überollbügel versteckt. Ansonsten ist alles wie gehabt: Klimaautomatik, Touscreen-Navi und all die anderen Mercedes-Annehmlichkeiten, denn schließlich bleibt ein SL ein SL, egal wie „Black“ er auch sein mag.


Doch gerade weil das so ist, fasziniert dieses Auto so ungemein. Hier ist kein „seht her ich habe dicke Backen“-Poser entstanden, sondern ein echter Sportwagen. Alles was der Fahrdynamik dient würde analysiert, verfeinert oder gleich neu konstruiert um den einen Zweck zu erfüllen: der beste SL aller Zeiten zu werden. Es scheint aber so, als seinen die Macher des 310.000 EUR-Sportlers weit über ihr Ziel hinaus geschossen, denn dieser SL 65 AMG Black Series ist nicht nur der beste SL aller Zeiten, er hat auch das Zeug dazu die ganz Großen wie McLaren SLR, Lamborghini Murciélago und Ferrari 599 hinter sich zu lassen – und das hat beim ersten Anblick wohl keiner erwatet !


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