Kommentar IAA 2009 – die asphaltfrage.de Nachlese

324.300 Besucher haben die automobilen Neuheiten schon bestaunt. Grund zur Freude also? Der VDA nimmt es gelassen und verweist darauf, dass es trotz 16-prozentigem Rückgang immer noch solide Zahlen in diesem gesamtwirtschaftlich schwierigen Umfeld seien.

Lotusblüte Evora IAA 2009
Was aber konnten die Besucher wirklich auf der Messe sehen? Die angekündigte Neuheitenflut, bahnbrechende neue Techniken und zukunftsweisende Studien? Schon, irgendwie. Aber allen Schuluniform-Outfit’s bei den Italienern und der Indoor-Rennbahn bei BMW zum Trotz, so richtig wollte der Funke nicht überspringen.


Bedingungslos wollten sich die Hersteller im Auge der Krise mit den grünsten und besten aller Technologien schmücken und so findet sich auf jedem Stand mindestens ein „Klimaretter“. E-Mobile, Vollhybride mit und ohne Lithium-Ionen-Akkus, solche mit als Reichweitenverlängerer eingesetztem Verbrennungsmotor, Brennstoffzellenfahrzeuge – alles gab es auf dieser „EAA“.

Doch wo sind sie hin, die Autos für die Masse, jene, die uns wirklich bewegen. Für Konzepte, die nur dem Populismus dienen und die nur den Ruf der Öffentlichkeit nach mehr Ökologie erhören, ohne dabei wirklich Sinn zu machen oder nur entfernt serientauglich sind sollte eigentlich kein Platz mehr sein. Und das ist das Problem dieser IAA.

Es ist zuviel Show um zuwenig Inhalt. BMW präsentiert seine EfficientDynamics-Modellflotte ganz in Schneeweiß mit aufgedruckten sensationellen Norm-Verbrauchswerten, doch neu ist außer der 320d EfficientDynamics-Edition nicht wirklich viel. Der X1 steht zwar – in der neuen Trendfarbe braun – auf der Messe, doch fernab vom Trubel. Dem 5er GT geht es ähnlich, am schlimmsten erwischt es jedoch den M6 in der Competition Edition. Es scheint als habe BMW ihn verstecken wollen. In der hintersten Ecke des Standes parkt er in einem uneinsehbaren Separee, vor dem man als Sichtschutz vorsorglich noch ein paar Motoren gestellt hat. Ja nicht auffallen mit einem mattlackierten 507-PS-Umweltsünder, dessen Kaufpreis locker für eine Umrüstung des Eingenheims zum Niederigenergiehaus gereicht hätte.

Bei Mercedes-Benz ist das Spiel ähnlich. Kein aufwändiger Umbau der Festhalle mehr, welcher den Zuschauer per Rolltreppe in den Himmel fahren lässt und dann mit sanftem Gefälle vorbei an den neuen Sternen aus Stuttgart wieder auf den Frankfurter Boden führte, sondern alles auf einen Blick. Nüchtern und zurückhaltend. Im Mittelpunkt stehen die F-Cell-Modelle, die Hybrid-Serienableger, sowie die Plug-In-Konzepte. Sogar das E-Klasse-T-Modell darf sich trotz herkömmlichem Verbrennungsmotor ins Rampenlicht stellen. Das eigentlich Highlight aber steht abermals abseits: der SLS AMG.

Da präsentiert Mercedes einen neuen Flügeltürer und so richtig freuen darf sich eigentlich niemand. Sogar die Elektroversion des neuen Supersportwagens wurde bereits angekündigt und die Presse mit ersten Technikdetails versorgt. Verstehen Sie jetzt das Problem?

Der Flügeltürer war 1954 nicht einfach nur ein neuer Mercedes, er war der Erfinder des Supersportwagengenres. Ein Auto gebaut zum Schnellfahren. Zum Gutaussehen. Zum Träumen. Heute schämt man sich direkt ein bisschen für die Neuauflage.

Aber warum produziert man dann diese „ach-so-gefährlichen-Umwelt-Dinosaurier“? Weil die Menschen es wollen. Sie begeistern sich an den Kurven, am Geräusch und am Gefühl und wenn so ein Enthusiast dann seinem Schmückstück das ein oder andere Mal Auslauf aus der behüteten Garage gewährt, wird das die Menge unserer Erdölvorräte wohl kaum über Gebühr strapazieren.

Schon eher, wenn er alle seine Fahrten mit solch einem Gefährt zurücklegen müsste und nicht nur er, sondern alle anderen Verkehrsteilnehmer. Doch genau hier kranken alle Umweltkonzepte der Hersteller. Auch wenn die Minister Tiefensee und Gabriel fest und medienwirksam an den baldigen Erfolg der Elektroautos glauben und diesen sogar mit zweifelhaften Prämien unterstützten bleibt die große Frage: was sollen wir denn jetzt fahren? Was ist jetzt serienreif? Was gefällt uns (wenn man sich diese Frage vor seinem umweltpolitischen Gewissen überhaupt stellen darf)?

Das Elektroauto ist nicht serienreif und das auch auf lange Sicht nicht, denn dafür ist das Batterieproblem zu groß. Wasserstoffantrieb, sei es mit Verbrennungsprinzip, oder in der Brennstoffzelle, scheitert an der Infrastruktur der Tankstellen. Der Heilsbringer Hybrid ist auch eher ein Rohrkrepierer, denn obwohl die Politik mit Schimpf und Schande die gesamte deutsche Autobranche als unfähig hinstellte, da es die Konkurrenz aus Fernost schließlich schon seit Jahren in Serie fertige, sprechen die Zahlen eine andere Sprache:
zählt man alle verkauften Hybridmodelle zusammen, deren Kaufverträge in diesem Jahr bei deutschen Händlern unterzeichnet wurden, so stellt der VW Golf diese Zahl bereits alleine in den Schatten. In einer Woche.

Prunkvolle Technik ja, aber bitte nur einsatzbereite. Was ist an einem Bluemotion-TDI-Polo so schlecht? 3.3 Liter Verbrauch auf 100km, ohne Netz, ohne doppelten Boden, ohne 450kg-Akkupack und Elektrolyse. Vergleichen Sie das mal mit dem Zweisitzer-Kajak „1L“: 380 Kilo, 39 PS, 160 km/h Spitze und 1,5 Liter auf 100km. Ich brauche Ihnen jetzt nicht zu erzählen, dass nur einer von beiden 5 Sitzplätze hat und auch nur einer von beiden 6 statt 1 Kiste Wasser transportieren kann. Gut, der 1L verbraucht ja auch weniger, da kann ich ja öfter fahren…

Natürlich sind die Studien der Kern einer jeden Automobilmesse, doch gerade nach Auslaufen der Abwrackprämie haben wir uns mehr von dieser IAA versprochen. Was bietet sie für den Autokäufer? Außer dem neuen Opel Astra nicht viel. Alles Zukunftsmusik, alles Marketinggeplänkel, nichts was man beim Händler um die Ecke in 2 Wochen bestaunen und vor allem kaufen kann.

Vielleicht war genau dieser Punkt das Problem dieser IAA. Viel wurde beworben, viel wurde in Szene gesetzt, doch hängen bleiben wird nicht viel. Dabei hätte man einfach das Bestehende vielleicht etwas verbessern und dannstärker in den Mittelpunkt rücken sollen – die Verkaufszahlen zeigen schließlich, dass wir im Vergleich so schlecht nicht dastehen.

asphaltfrage.de-Tipps für diese IAA:

Alfa MiTo Quadrifoglio Verde – schön ist er nicht, sagen wir nett. Dafür aber mit einer Antriebstechnik, die aller Komplexität zum Trotz ein Schritt in die richtige Richtung ist. Mehr Spaß bei weniger Verbrauch geht eben doch auch ohne Akkus und Elektromotor.

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Aston Martin Rapide – schön, schnell, sorgenfrei. Ein Auto, das so gar nicht auf diese IAA passen will. Umwerfende Form, sagenhafte V12-Kraft und ein Dorn im Auge der Panamera-Verkäufer. Wer will da schon den Stuttgarter Brauerei-Gaul kaufen?

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BMW M6 Competition Edition – andere haben mehr PS, mehr Turbos und mehr Gizmos, doch der M6 bietet ein bizarres Schauspiel auf dieser IAA. Weggesperrt, einsam und verlassen fristet das edle Sondermodell sein Schattendasein auf dem EfficientDynamics-Stand. Einen Besuch hat er gerade deshalb verdient.

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Jaguar XJ – dieser Innenraum. Herrlich, modern, britisch. Mehr braucht man nicht zu sagen. Die äußere Form wird die Gewöhnung auch noch hinbiegen, beim Fahren sieht man es sowieso nicht. Der Mut in der Konkurrenz zu S-Mercedes, und 7er BMW ist bemerkenswert.

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Mercedes SLS AMG – wenn Sie einen finden bleiben Sie mit Abstand stehen. Vielleicht nicht bei den Roten, sondern am Silbernen. Eine tolle Form haben ihm die Stuttgarter mit auf den Weg gegeben. Klassisch modern. Flügeltürer eben. Nur innen ist er zu mercedes. Und da sitzt beim Fahren leider immer. Egal, der 6.3 wird es richten.

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Saab 9-5 – ja, nur ein großer Opel Insignia, dafür aber ein schöner. Gelungene Optik, innen trotz Rotstift und Sparplan der Wille zum Saab-Design, kombiniert mit solider und guter Technik aus Rüsselsheim. Mehr als ein Tipp für extravagante Menschen.

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Skoda Superb Combi – was für ein Auto. Superb mit Rucksack. Verschönert die Linie deutlich, macht ihn noch flexibler. Vielleicht geht im Innenraum durch die gewonnene Luftigkeit etwas die Geborgenheit verloren, aber daran wird man sich schon nicht stören, muss man eben lauter sprechen.

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VW Polo Bluemotion – keine echte Neuheit, aber 3.3 Liter Verbrauch bei voller Alltagstauglichkeit. So sieht die Zukunft aus. Egal was die Umweltpäpste sagen. Und das ist gut so. Wer mehr will nimmt den Golf. Der braucht 3.9 Liter.

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Kommentar: Fabian Mechtel
Bilder: Florian Steinl, united pictures

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