coure sdentata – der Alfa Spider 2.0 JTDM

das überrascht: Diesel im Spider, immer noch.
das ist gut: Bremse, Fahrwerk, Lenkung.
das weniger: der Rest. Wir können uns nicht daran gewöhnen.

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Lebensmittel werden immer billiger. Die Discounter bieten sich eine Preissenkungsschlacht ohnegleichen. Der Einkaufswagen ist voll, die Kalorien für die ganze Woche gesichert und trotzdem kostet es keine 12,86 EUR. Toll. Oder?

Natürlich ist super auch um 23.42 Uhr noch eine Packung Miracoli kaufen zu können und dazu einen Rotwein aus dem 1.49 EUR Supersonderangebot. Aber fragen Sie doch einmal die unterdurchschnittlich bezahlte wohl auch motivierte Kassiererin, ob sie zu Ihrer Pasta eher ein Cabernet mit seiner Cassis- und Johannisbeernote, oder doch eher ein kräftig fruchtiger Merlot passt.

Ohne Zweifel, im Discounter ist alles günstig, aber der telekomfarbene Delikatess-Hinterschinken ist auch ähnlich nahrhaft wie die Kunststoffhülle, die ihn verpackt. Interessanterweise kann man bei Automobilen etwas ganz Ähnliches feststellen.

Nehmen wir den Dacia Logan als Beispiel. 4 Türen, 4 Räder, ein Dach und ein Handschuhfach.  Mehr bietet ein Maybach 62 Zeppelin auch nicht. Und dabei kostet der eine als Ganzes soviel wie der Kristallglasduftspender des anderen. Wenn Sie nun aber sich selbst in die Rechnung einbeziehen, dann ist das rumänische Sonderangebot plötzlich deutlich zu teuer.

Jeden Tag werden sie sich grämen den laschen Türgriff zu ziehen, um die trostlos graue Hartplastiklandschaft zu betreten. Auf den karg gepolsterten Sitzen sind keine bunten Muster, nichts ist liebevoll gestaltet, alles ist aus der untersten Schublade der Produktionskosten.

Sie werden keinen Spaß haben in ihrem Logan. Keine Sekunde werden sie Freude verspüren dieses Auto zu fahren. Ähnlich wäre es sich einen Porzellanhund anzuschaffen, weil er im Unterhalt günstiger ist als ein Echter.

Das es auch anders geht zeigen viele Hersteller, zum Beispiel Fiat. Der neue 500er ist ein Auto, dem die Lebensfreude aus allen Karosseriefugen quillt. Kulleraugen, Chromspangen, knallige Farben – so schön kann günstig sein. Und ich garantiere Ihnen, dass der kleine Italiener nicht nur Ihnen jeden Tag aufs Neue ein Lächeln auf die Lippen zaubert, sondern auch dem traurigen Nachbarn an der Ampel, dessen grauer Dacia den Damen ganz sicher nicht die Köpfe verdreht.

Schon eher schafft das ein Alfa Spider. Mit seinem Grundpreis von 35.900 EUR ist er zudem ein gutes Angebot, denn ein Lamborghini Murcielago Roadster für beinahe die zehnfache Summe macht kein bisschen mehr Spaß.

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Wenn das Verdeck unten sind und die Fenster in den Türen verschwunden, dann kennt der Wind kein Halten mehr. Wir müssen jetzt nicht 364,8km/h fahren und brauchen keine 1000 PS-Rekorde. Ein Alfa Spider zaubert dir nämlich bereits ein breites Lächeln auf die Lippen, wenn das Tempo die Frisur der Dame auf dem Beifahrersitz noch nicht ruiniert hat.

So war es zumindest früher. Der Motor vorne, der Antrieb hinten und die leichte Karosserie tanzte auf schmalen und griparmen Reifen die Landstraßen entlang. Als dann das schöne Heck mit Gummibeplankung verschandelt wurde und der Innenraum ohne Analoguhr neu gestaltet wurde musste das cuore sportive ordentlich schluchzen. Mitte der Neunziger sparte man sich in Mailand sogar den Heckantrieb und baute auf ein günstiges Frontquermotor-Layout.

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Zwar sind heute die Qualitätsschwierigkeiten vergangener Tage beseitigt, doch Alfa Romeo hat eine neue Hiobsbotschaft für uns: ein Diesel im Spider. Nun ja, immerhin haben sie in Mailand das Common-Rail-Prinzip erfunden und sind sogar im eigenen Markenpokal erfolgreich damit Rennen gefahren. Die Konkurrenz aus Ingolstadt gewann gar das 24h Rennen von Le Mans mit einem Selbstzünder.

Dennoch, wir haben es nicht übers Herz gebracht den Spider mit Traktormotor zu fahren. Bis jetzt. Ein Anruf von der Presseabteilung in Frankfurt sagte uns einen Spider mit dem brandneuen 2.0 JTDM-Aggregat zu.

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4 Zylinder, doppelte obenliegende Nockenwelle, 16 Ventile. Die Vorfreude steigt. Die neueste Einspritzgeneration sorgt in Zusammenarbeit mit einem im Ansprechverhalten verbesserten VTG-Turbolader für ansprechende Leistungsdaten. 170PS und 360Nm weist das Datenblatt aus. Das wäre früher ein Quell der Freude gewesen.

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Im Stand macht der in grigio touring lackierte Spider ein gute Figur. Das grimmige Gesicht kennt man von der 159er-Klasse, doch die knappe Stoffmütze und die feisten Kotflügel am Heck setzen neben den vier selbstbewussten Auspuffrohren einen Akzent in der Roadsterklasse. Ausgestattet mit dem ti-Sportpaket steht der Alfa zudem noch ein wenig tiefergelegt auf mächtigen 19-Zoll Competizione-Felgen, die freizügig die großen 4-Kolben-Festsättel der Brembo-Bremsanlage zur Schau stellen.

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Im Innenraum geht das dolce vita ungebremst weiter. Handschuhweiches cognacfarbenes Leder aus der Edelsattlerei Poltrona Frau spannt sich über bequeme und gut unterstützende Sportsitze, das toll ausgeformte Lenkrad liegt mit seinem gelochten Leder in jeder Situation gut in der Hand und das Arrangement der vielfältigen Analoginstrumente ist eine tolle Abwechslung zu den modernen Mäusekinos der Konkurrenz.

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Das knappe Verdeck faltet sich vollautomatisch über die Köpfe hinweg und verschwindet unter einen festen Abdeckung – der offene Fahrspaß kann kommen.

Was jedoch auf den Druck des Startknopfes folgt ist leider ernüchternd. Diesel bleibt Diesel bleibt Traktor. Da helfen auch vier Auspuffrohre nicht. Hat man im etwas sperrig zu schaltenden Getriebe den ersten Gang eingelegt springt der Alfa von der Kupplung an ordentlich los, um direkt in ein recht großes Turboloch zu fallen.

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So hatten wir uns das nicht vorgestellt mit der neuen Technik. Sicher, ab 1750 Umdrehungen liegt das maximale Drehmoment an, doch so richtig wohl fühlt sich der Motor dort noch nicht. Erst über der 2000er Marke geht es Spider-mäßig voran, wenn uns auch der Sound dort schon wieder Schauer über den Rücken laufen lässt. Die Ingenieure haben es irgendwie verpasst dem 2.0-JTDM eine harmonische Kraftentfaltung anzuerziehen. Untenraus nichts, dann kurz alles und wenig später schon wieder nichts.

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Fahrspaß geht irgendwie anders, wenn auch das 6-Ganggetriebe passend abgestuft ist um den Motor doch noch gut aussehen zu lassen. Wenigstens verliert sich das harte Verbrennungsgeräusch ab Tempo 70 im Wind. Bei diesem Tempo fängt auch das Fahrwerk an zu arbeiten.

Im Stop-and-Go-Verkehr wirkt es etwas hölzern und unwillig, zumal die breiten 235/40R19-Pirellis gerne Spurrillen und sonstigen Fehlern des Straßenbaus nachspüren. Das hat man zwar dank der zielgenauen und straffen Lenkung gut im Griff, verlangt allerdings unnötig viel Aufmerksamkeit.

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Der Alfa braucht also speed um richtig zu funktionieren. Weite, sanft geschwungene Landstraßen, wie etwa im Hinterland des Feldberges sind seine Domäne. Das Feedback stimmt, die Lenkung erzählt dir von der Oberfläche, ohne dich mit zuviel Servounterstützung zu belügen und auch die Bremse gehört zur ersten Liga: Brembo-typisch ist der Druckpunkt hart, die Wirkung brachial und nicht nachlassend.

Langsam aber sicher werden wir warm mit dem grauen Spider. Die Geschwindigkeit steigt, die Bremspunkte werden nach spät verlegt und der Duft frischer Luft, Wäldern und Wiesen lassen die Laune steigen.

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Doch wehe man übertreibt es. Motorradfahrer im Rückspiegel, Z4 am Horizont – vergessen sie es. Der Diesel holt sich ganz schnell aus den Gefechtsträumen zurück. Unwillig dreht er hoch, gewinnt dabei weder schnell Leistung noch Geschwindigkeit und im nächsten Gang muss der Turbo erstmal kräftig durchatmen bis er wieder anschieben kann. Nein, so wird das nichts.

Vielleicht sollten wir es einfach anders angehen: Treiben lassen, gleiten, cruisen. Gelassen sein. Den Spider im 4ten ziehen lassen, das Drehmoment spüren, Geschwindigkeit aufbauen und versuchen diese in der Kurve nicht zu verlieren. Dazu die Lieblingsmusik über den MP3-Player an der superben BOSE-Anlage wiedergeben lassen und der Tag ist schön.

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Der Alfa Spider 2.0 JTDM macht auf diesem Terrain eine wirklich gute Figur. Selbst bei Temperaturen um 5°C macht das offene Gleiten dank wirkungsvoller Heizung, grilltauglicher Sizheizung und effektivem Windschott noch richtig Spaß.

Vor allem aber fällt bei offenem Verdeck nicht die deutlich zu hohe Sitzposition auf und auch andere Unzulänglichkeiten, wie der interessant platzierte Tempomathebel, lässt der Wind vergessen. (was hilft ein crashtestoptimiertes Zündschloss im Armaturenbrett, wenn man sich statt des rechten Knies am Schlüssel bei einem Unfall das Linke am Tempomathebel zertrümmert?)

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Wir haben ihn einfach mit dem falschen Ansatz gesehen: Trotz ti-Paket und dem klangvollen Namen ist der Alfa Spider kein böse fräsendes Drehzahlmonster, dessen feuriges Herz gierig auf den nächsten Gasstoß wartet. Er ist eher ein etwas gemütlicherer Geselle, der Schnelligkeit seinen Bizeps entgegensetzt und sich auch sonst nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Das ist an sich nicht schlecht, doch vielleicht sollte Alfa den Spider dann auch entsprechend vermarkten. Ein Auto für Genießer, nicht für Racer. Ein Freudenspender, der dir das Autofahren zum Vergnügen macht, ohne dich zu etwas zu zwingen. Ein Alfa zum Entschleunigen.

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Uns würde es dennoch freuen, wenn man in Mailand wieder einen einfachen, leichten und günstigen Heckantriebs-Sportler an den Start schiebt: 1.6-Liter, 4 Zylinder und Doppelnocke reichen uns vollkommen. Elektrisches Verdeck, BOSE-Sound, schweres Gestühl und Klimatisierung brauchen wir auch nicht. Denn ein Alfa braucht immer noch ein cuore sportivo und nichts Zahnloses.

Einen Namen hätten wir auch schon: Alfa Romeo Spider Junior.

Und wenn Sie im Moment aus Überzeugung einen Dacia Logan fahren, dann werden Sie das wohl alles nicht verstehen. Aber seien sie beruhigt, die Medizin ist sicher bald soweit…

Technische Daten:

Modell: Alfa Romeo Spider 2.0 JTDM 16V
Motor: 4 Zylinder Diesel, 1956cm³
Leistung: 125kW/170PS
Drehmoment:360Nm
Antrieb: Front, 6-Gang mechanisch,
Verbrauch: 7.9l/100Km Diesel
0-100km/h: 8.8sec
Vmax: 218km/h
Preis: ab 35.900 EUR

Text: Fabian Mechtel
Bilder: Fabian Mechtel, Florian Steinl (3)

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