Willkommen Zukunft – der VW Up! Lite

Ja, wir sind spät dran. Das Tuch ist längst gezogen und die Geschichte erzählt. Der VW Up! Lite interessiert gut 10 Tage nach seiner Präsentation kaum noch jemanden in der Medienwelt.

Das ist schade und Grund genug für asphaltfrage.de sich ernsthaft mit der zukunftsweisenden Studie der Wolfsburger zu beschäftigen.


Zuerst bleibt man – logischerweise – am Äußeren hängen. Der VW-Kenner sucht verzweifelt nach Merkmalen der Familienzugehörigkeit, denn es gestaltet sich wirklich schwer Parallelen zum bekannten Konzerndesign zu finden. Den bereits vorgestellten Up!-Studien entspricht der Lite nur in der Leuchtgrafik an der Front, am ehesten lässt sich der Bogen zum auf der IAA vorgestellten Doppelsitzer „L1“ spannen.


Mit 3.84m Länge und 1.40m Höhe hat der Up! Lite dem L1 aber vor die Tatsache voraus, dass es sich bei ihm um ein echtes Auto handelt und nicht nur um ein unpraktische Machbarkeitsstudie. Das Raumangebot auf den vier Plätzen entspricht dem eines dreitürigen VW Polo und auch der Gepäckraum fasst mit 217 Litern (ja, jetzt ist es tatsächlich passiert…) ein in der Realität durchaus nutzbares Volumen.

Diese Eckdaten sind deshalb so wichtig, denn hier trennte sich in der Vergangenheit die Spreu vom Weizen der Energiesparautos. Im heute beinahe kultisch verehrten VW Lupo 3L TDI konnte beispielsweise kein mit Beinen gesegnetes Individuum ernsthaft Sitzen, außerdem war der Kofferraum bereits mit zwei Kisten Beck’s komplett ausgefüllt.


Der Up! Lite macht hier also nicht den Fehler seine Sparsamkeit auf Kosten des Nutzens zu erkaufen. Mit der Erfüllung der Basisanforderungen an ein Automobil macht er den Gedanken an eine Serienfertigung erst möglich, auch wenn viele seiner genialen Detaillösungen den Weg in die Serie wohl nicht schaffen werden.

Ein Luftwiderstandsbeiwert von 0,237 wird es hingegen schon schaffen, denn ohne eine ausgeklügelte Aerodynamik sind die von VW versprochenen Wunderverbräuche von vorneherein unmöglich. Die Entwicklungsingenieure haben beim Up! Lite das Rad nicht neu erfunden, sie haben aber ein Paket geschnürt, wie es dies in einer derartigen Konsequenz vorher noch nicht dagewesen ist. Die Frontpartie ist wie das gesamte Äußere extrem glatt. Kanten und Sicken gibt es hier ebenso wenig wie einen großen Kühllufteinlass. Dank aktivem Thermomanagement öffnet die Blende vor dem Kühler nur bedarfsgerecht und sorgt ansonsten für eine sauber anliegende Strömung. Die flache Frontscheibe stellt sich der Luft ebenso wenig entgegen, wie das lange, hohe und steil abreißende Heck für eine ruhige, turbulenzfreie und damit widerstandsarme Umströmung des Up! Liter sorgt. Sogar die Scheiben haben die Wolfsburger bündig in die Karosserie eingesetzt, damit sich der Fahrtwind nicht an den Dichtungen verwirbeln kann, sondern sauber anliegt.


Es sind jedoch die weniger auffälligen Dinge, wie die versteckten Türgriffe, der glatte Unterboden oder aerodynamisch optimierten Felgen, die dem Up! Lite zu seinem mustergültigen cw-Wert verhelfen. Die Räder verdienen zusätzliche Erwähnung, denn sie sorgen mit der außergewöhnlichen Kombination von großem Durchmesser (18 Zoll) und extrem geringer Breite (155mm) nicht nur für einen großen Abrollumfang und einen geringen Rollwiderstand, es ist vor allem das Gewicht, dass die Felgen auszeichnet. Das Zusammenspiel von großen und besonders dünnwandigen Aluminiumflächen für geringe Turbulenzen und zehn Carbonfaserspeichen für eine hohe Traglast ist derzeit einmalig und erhält hoffentlich in Zukunft auch das Siegel der TÜV-Obrigkeit.


Ebenfalls leichter als herkömmliche Serienteile, mehr aber noch der aerodynamischen Effizienz geschuldet ist das Rücksichtsystem des Up! Lite. An Stelle von großen, hart im Wind stehenden Spiegeln vertraut der VW auf kleine Kameras, die auf einer Art Winglet montiert werden. Auch der Innenspiegel wird durch eine in der Heckklappe montierte Kamera ersetzt. Der Vorteil dieser Lösung liegt im innovativen Bedienkonzept des Up! Lite: ein im Widescreen-Format 8:3 darstellender TFT-Monitor ist an der vom Innenspiegel bekannten Position montiert und zeigt dauerhaft das Geschehen hinter dem Fahrzeug an. Bei Betätigen des Blinkers blendet sich im Monitor zusätzlich das Bild der entsprechenden Außenkamera ein und der Fahrer hat sowohl den seitlichen, als auch den rückwärtigen Verkehr auf einmal und ohne toten Winkel im Blick.


Überhaupt begeistert der Innenraum der Wolfsburger Öko-Studie: hier stören keine Schalter, keine Knöpfe und keine Multifunktions-Drehsteller. „Interaktive und intuitive Bedienung“ nennt VW dieses Konzept und es überzeugt. Ein großes Display hinter dem Lenkrad informiert den Fahrer mittels Digitaldisplay und Bandtacho über die Geschwindigkeit, die eingelegte Fahrstufe des DSG-Getriebes, den aktuellen Betriebsmodus (TDI, Hybrid, oder elektrisch), den aktuellen Verbrauch, sowie über Außentemperatur und Uhrzeit. Das Highlight des Bedienkonzepts ist aber das 5.7 Zoll große Zentraldisplay auf der Mittelkonsole, das Klimatisierung, Navigation, Telefonie und Unterhaltung (MP3, Video, Internet) koordiniert. Das alles geht natürlich per Fingereingabe und dank einer ausgeklügelten Bewegungssensorik soll der Up! Lite für die automobile Bedienung ähnlich bahnbrechend sein, wie es das iPhone bei den Smartphones gewesen ist.


Um dem Fahrer während der Bedienung/während der Fahrt eine bequeme und vertippsichere Unterstützung der Hand zu gewährleisten haben die Designer den Wählhebel des Getriebes in eine Handballenauflage verwandelt. So kann man locker auf der in Carbon-Optik gehaltenen Getriebemaus lümmeln und durch die Menüs skippen. Ein Audi A8 kann das auch nicht besser.


Ebenfalls revolutionär sind die Leichtbausitze des kleinen Wolfsburgers. Die Leichtmetallgestelle der einteiligen Schalensitze klappen nach Entriegelung durch kleine Lederschlaufen als Ganzes nach vorne und geben so einen großen Durchstieg zur Rücksitzbank frei, die ebenso wie die Vordersitze mit einer neuartigen Polsterung ausgestattet sind. Das Material erinnert an Neopren, passt sich der Körperkontur an, sorgt für angenehmes Sitzklima und ist atmungsaktiv. Selbst bei der Höhenverstellung haben sich die Ingenieure Gedanken gemacht: die Sitzschienen sind mit Gefälle verschraubt und so sitzt der kleine Fahrer, der den Sitz nach vorne schiebt automatisch höher, als der Größere, der ihn entsprechend weiter hinten positioniert. Ein komplexe (teure und schwere) Mechanik kann demnach entfallen.


Auch bei der Variabilität des Kofferraums geht VW neue Wege. Kein Hebel muss mehr zur Entriegelung der Rückbank gezogen werden, ein sanfter Druck von hinten auf die Kopfstützen reicht und die Lehne faltet sich flach auf die hintere Sitzfläche.


Im Heck des Up! Lite versteckt sich auch ein weiteres Detail, das für mehr Effizienz sorgt. Anstatt wie bei aktuellen Fahrzeuge üblich den Innenraum über den hinteren Stoßfänger zu entlüften, sitzt der Kamin des Öko-VW’s hoch oben direkt zwischen Dachende und Dachkantenspoiler. Der Effekt dieser „passiven Standlüftung“ ist, dass die im Sommer bei stehendem Fahrzeug in Inneren erzeugte heiße Luft (auf Grund der Tatsache, dass warme Luft nach oben steigt) mit einem Kamineffekt abgeleitet werden kann.


Die wirklichen Meilensteine sind aber weder die Bedienung, noch die Belüftung des Up! Lite, es ist sein Rückgrat und sein Antrieb.

695kg Leergewicht. Ohne den Einsatz von exotischen, vor allem aber exorbitant teuren Materialien ist dieser Wert nicht möglich, doch wenn man von Gags wie dem 3.3 Kilogramm leichten Kohlefaserverbund-Dach mal absieht, zeigt der kleine Wolfsburger wo die Reise bei Plattform-Materialien hingeht: ein Mix aus dünnen, hochfesten Stählen und Aluminium, sowie Magnesium bei voluminösen Guss-Strukturen.


Für die Stabilität der Fahrgastzelle wichtige Teile wie etwa die Längsträger, der Mitteltunnel, die Sitzaufnahmen und Bereiche der A-Säulen sind aus hochfestem Stahl. Die Böden im Passagier-Fußraum, der Boden hinten samt Reserveradmulde, die Stirnwand zum Motorraum, die hinteren Radhäuser und der Frontscheibenquerträger hingegen sind aus leichtem Aluminium gefertig, wie auch der komplette obere Rest der Karosserie (der sogenannte „Hut“). Diese Maßnahme dient einer günstigen Schwerpunktgestaltung, denn der schwere hochfeste Stahl kommt an der Dachpartie nur in den Innenteilen der B-Säulen, sowie den vorderen Dachholmen zum Einsatz.

Hauben und Türen des Up! Lite sind ebenfalls aus Aluminium gefertigt, die Kunststoff-Stoßfänger sitzen vorne auf einem Kohlefaser-Querträger. Im Gegensatz zum Vorgänger Lupo 3L verzichtet VW auf Karosserieteile aus Magnesium, verwendet den extrem leichten Werkstoff jedoch bei Fahrwerksteilen wie den hinteren Längslenkern, dem Radträger der Vorderachse, sowie den Bremssätteln an der Vorderachse. Dies sorgt neben einem geringen Fahrzeuggewicht vor allem für niedrige ungefederte Massen und erhöht somit den Fahrkomfort, wie auch die Performance durch das geringere Trägheitsmoment.


Um Moment geht es auch beim Antrieb des Up! Lite. Und hier sagen wir zum ersten Mal: Ja, ich will die Kraft der zwei Herzen. VW kombiniert den TDI-Motor mit einem kleinen Elektroaggregat, Lithium-Ionen-Akkus und dem bekannten 7-Gang-DSG-Getriebe.

Der neue Motor ist an sich ein alter Bekannter, auch wenn er sich zunächst als 0.8 Liter Zweizylinder tarnt. Genaueres Hinsehen im technischen Datenblatt entlarvt den Antrieb mit 79.5er Bohrung und 80.5mm Hub dann aber doch als Mitglied der aktuellen Common-Rail-Diesel-Familie von VW. Man hat ihn zwar in der Mitte durchgesägt, dennoch enthält der 51PS und 120Nm starke Selbstzünder alle Merkmale der großen Brüder: spezielle Kolbenmulden, Mehrfacheinspritzung mit individueller Ausrichtung der jeweiligen Einspritzstrahlen, Abgasrückführung, Oxidationskatalysator und Dieselpartikelfilter. Auch das dank hoher Formgenauigkeit für wenig Reibungsverluste sorgende Aluminium-Kurbelgehäuse übernimmt der 2-Zylinder von seinen großen Brüdern.

Unterstützung bekommt das nur 55kg schwere Verbrennungsaggregat von einem „Impulsstartmodul“, das VW zwischen TDI und Getriebe verbaut. Das elektrische Supertalent arbeitet nicht nur als Anlasser und Lichtmaschine sondern auch als Elektromotor. Mit seinen 10kW Leistung und 70Nm Drehmoment unterstützt er den TDI-Motor nicht nur bei der Beschleunigung, sondern kann ihm die Arbeit innerorts auf bis zu zwei Kilometern sogar ganz abnehmen.

Die Hüter des japanischen Hybrid-Grals werden jetzt zwar wieder überheblich lächeln, doch VW hat bei der Dimensionierung der Akku-Kapazitäten alles richtig gemacht. Jeder elektrische Mehr-km hätte für deutlich mehr Gewicht und somit insgesamt für eine Verschlechterung der Effizienzbilanz gesorgt.

Denn die Stärke des Diesel-Hybrid-Systems im Up! Lite liegt in der ausgeklügelten Steuerung: die Start-Stop-Funktionalität ist in diesem Umfeld beinahe schon nicht mehr erwähnenswert, doch in Kombination mit dem Elektromotor geht der Anfahrvorgang nach Ampelstopps noch rascher und komfortabler vonstatten. Interessanter ist die Segel-Funktion. Nimmt der Fahrer auf der Autobahn das Gas komplett zurück kuppelt das DSG-Getriebe aus und der Up! Lite rollt alleine von seiner kinetischen Bewegungsenergie zehrend ohne Kraftstoffverbrauch weiter. Damit der Schwung nicht wie in einem herkömmlichen Fahrzeug gleich verloren ist, sorgt der Impulsstarter für eine stetige Unterstützung. VW spricht von sehr langer Gleitfähigkeit, ohne dass das TDI-Triebwerk wieder gestartet werden muss.


Um die Segeleigenschaft möglichst oft und vor allem gut nutzen zu können verfügt die Software des Navigationssystems über einen speziellen Routenalgorithmus, der die Topografie und damit theoretisch mögliche Segelphasen, die Tageszeit und das Verkehrsaufkommen für die Routenberechung berücksichtigt.

Wer diese Funktion nutzt und sich auch sonst auf den Up! Lite einlässt, der ist in Zukunft mit nur noch 2.44 Litern Verbrauch auf 100km unterwegs.

Es soll nun niemand meckern, dass wir vor einem Jahrzehnt schon einmal bei 2.99 Litern waren und das kein echter Fortschritt sei, doch man sollte das Ganze schon Objektiv betrachten: der Lupo war kein vollwertiges Auto, hatte keine umwerfende Ausstattung und schon gar keine Ausstrahlung.

Der Up! Lite bringt all das mit und erlaubt sich keine Kompromisse. Er ist ein begeisterndes Auto und er zeigt wie viel Potenzial das Thema Individualverkehr noch bietet. Unser Wunsch an VW ist der, dass der Up! Lite genauso in Serie gehen sollte: mit Carbondach, Carbonspeichen, hochglanzpolierten Sitzschienen und der touch-Menüführung. Natürlich wird der Spaß teurer sein als die Konkurrenz. Das ist das iPhone aber auch…

(Und wenn VW unserem Wunsch nicht entsprich kann man sich in Zukunft wieder an diesen Artikel erinnern und sich an der Detail-Heerschar erfreuen, die das Automobil von morgen wirklich aufregend gemacht hätten.)

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