Emotionen, auch 2010 – ein Blick zurück und einer nach vorn.

Wir entschuldigen uns vorab für diese Textwüste, aber Bilder würden dem Gesagten sowieso nicht gerecht werden.

„Den Blick für die Zukunft zu öffnen und die Bereitschaft neue Wege zu beschreiten – ohne das Vergangene gleich ganz vergessen zu müssen.“

So steht es in unserem Manifest und auch im neuen Jahr wollen wir diesem Satz Folge leisten. Deshalb ist der erste Artikel im neuen Jahrzehnt einer, der auf der Suche nach den Höhepunkten des Vergangenen ist.

Hatten die 50er das Petticoat, Jukebox und den Käfer; die 60er Schlaghosen, Stirnbänder und den Jaguar E-Type; die 70er den Minirock, AC/DC, die Stones und den Porsche turbo; die 80er Leggins, Schulterpolster und den Golf GTI; die 90er Wiedervereinigung, Technokultur, Plateauschuhe und den McLaren F1, so hatten die 2000er neben den NewEconomy-Blase, den Zwillingstürmen, dem Papst und Obama vor allem den Toyota Prius.

Doch passt der japanische Weltretter als Synonym für das vergangene Jahrzehnt? Wenn man den Zeitgeist betrachtet schon – denn kein Jahrzehnt vorher war derart von Klimaschutz, Umweltaktivisten und allgemeiner CO²-Hysterie geprägt wie dieses.

Aber ist der Prius tatsächlich das bedeutendste Automobil der letzten Dekade? Beschreibt er wirklich einen so beispielhaften Weg? Ist er wirklich DIE Lösung des Problems?

Man kann von der globalen Erderwärmung halten was man will. Ob anthropogen oder nicht spielt für die Mobilität erstmal keine Rolle, denn viel wichtiger ist der Fakt, dass die Erdölressourcen knapp sind, das Ende abzusehen ist und es wirklich dumm wäre sich erst beim letzten Tropfen Gedanken um alternative Energieträger zu machen.

Uns lässt deshalb der Wasserstoff nicht los. Reichlich vorhanden und mit verfügbarer Technik können wir ihn für uns nutzbar machen. Keine Tricks, keine Zukunftsmusik und vor allem keine Abgase. Dass wir hier nicht zwingend nur vom Auto reden, sondern auch vom Betrieb sämtlicher elektrischen Geräte im Haushalt, macht diesen Energieträger so interessant.

Viele, ob des baldigen Untergangs besorgte Klimaschützer wenden nun aber ein, dass es viel zu kompliziert sei den Wasserstoff zu gewinnen, zu aufwändig ihn zu speichern und dass wir ihn im Endeffekt genauso verfeuern würden wie das Öl.

Natürlich ist es eine, wenn nicht sogar die größte technische Herausforderung der Zukunft, die genannten Probleme zu lösen, aber warum sollten wir es nicht probieren? Warum sind wir zum Mond geflogen, warum haben wir gelernt Herzen zu transplantieren? Nicht weil es einfach war, sondern weil es Fortschritt bedeutet hat.

Und genau hier liegt unser Problem mit dem Toyota Prius. Wo ist denn bitte der Fortschritt, wenn man einem benzinbetriebenen (Downsizing? Diesel?) Automobil zentnerschwere giftige Akkumulatoren und einen Elektromotor einpflanzt und das ganze dann als die Lösung unserer Probleme anpreist? Nirgendwo, denn das ist kein Fortschritt.

Fatal an dieser Toyota-Idee ist leider die Öffentlichkeitswirksamkeit. Umweltschützer jubeln und der – technische Anstrengungen möglichst vermeiden wollende – Zeitgeist glaubt den Hype, das die Umwelt so gerettet sei.

Da es aber die Öffentlichkeit ist, die den Autobauern ihre Produkte abkaufen, müssen sie sich tunlichst der Massenmeinung unterordnen, um weiterhin am Markt bestehen zu können. Und so kommt es, dass nun nicht nur Toyota einen Hybrid auf dem Markt hat, sondern auch Lexus, BMW, Mercedes, Porsche, Audi und alle anderen.

Doch wer arbeitet tatsächlich noch ernsthaft an den Problemen des Wasserstoffs? Die Antwort wollen Sie wahrscheinlich gar nicht hören. BMW ist unlängst nicht nur aus der Formel1 ausgestiegen, sondern auch aus ihrem Flottenprogramm mit dem vielversprechenden Energieträger. Derzeit ist es nur Mercedes-Benz, die sich auf dem deutschen Markt wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen.

Der Prius ist also nicht das Auto des Jahrzehnts, sondern ein Auto, dessen schlechtem Beispiel viele weitere Hersteller in die Sackgasse gefolgt sind. Weil der Weg einfach war.

Unser Auto des Jahrzehnts ist deshalb der Bugatti Veyron.

Ein Auto, das dem Prius gegensätzlicher nicht sein könnte. Ein Auto, bei dem jede Schraube und jedes Detail die Entwickler zur Verzweiflung brachte und alles nur, weil er die absolute Spitze unserer derzeitigen Technologie auf vier Meter und fünfzig Zentimeter vereinte.

Ein Auto, das nicht gebaut wurde weil es einfach war, sondern völlig unmöglich.

Der Mann, der dieses Auto erdachte war zugleich der einzige, der den Bau ermöglichen konnte: Ferdinand Piëch. Wo andere Konzernlenker von ihren Betriebswirten ausgebremst worden wären, oder von den Aktionären abgestraft, verlangte der Patriarch strikten Gehorsam. Seine Meinung, oder keine Meinung.

Natürlich ist es nicht schwer ein Auto mit 1000PS zu bauen, das 400km/h fährt. Viele Tuner zeigen uns das mehrfach die Woche. Piëch aber verlangte ein Auto, das diese Höchstleistung nicht nur einmal erbringen konnte, sondern immer. Egal ob in der Wüste, oder der Arktis, egal ob gefahren von Michael Schumacher oder der Verkäuferin vom Rewe um die Ecke.

Diese Forderung ist für ein Auto ungleich schwieriger zu erfüllen, als etwa Frau und Geliebte zugleich zu sein, es ist die Forderung Frau, Geliebte, Haushälterin, Hochleistungssportlerin, Dienerin, bester Freund und Topmodel zugleich zu sein – unmöglich.

Kein Zulieferer der Welt war in der Lage ein Getriebe zu liefern, das der Urgewalt von 1250Nm auf Dauer standhielt. Fünf schnellen Rennstreckenrunden ja, 10 Minuten auf Topspeed-Jagd ja, aber nicht 100.000km im täglichen Einsatz.

Die Aerodynamik war ebenfalls ein beinahe unlösbares Problem, denn nicht einmal F1-Teams haben Windkanäle, die über Geschwindigkeiten über 400km/h simulieren können und bei einem Auto, das diese Tempi erreicht ist jedem klar, dass man hier besser Sorgfalt walten lässt.

Und egal wen man fragt, ob es der Ingenieur ist, der für die Kühlung des 1001PS-W16 zuständig war, die Truppe verantwortlich für die Reifen oder den Designer der Abtrieb-produzierenden Außenspiegel, sie alle legen die Stirn in Falten, wenn sie an die Entwicklungszeit zurückdenken. Dass das Ergebnis nicht wirklich spektakulär zu fahren ist, der Motor keine Feuersbrünste produziert und ein Ferrari auf der Rennstrecke schneller ist, spielt keine Rolle.
Die Concorde hatte ähnliche Probleme: sie war laut, sie war eng und sie verbrauchte zuviel Treibstoff. Das Handling war sicher auch nicht das Beste.

Und auch wenn der Veyron bei 130km/h nicht aufregender fährt als ein VW Golf, so weiß man doch, dass er noch 277km/h drauflegen könnte und vor allem wie viel Schweiß geflossen ist um dies möglich zu machen.

Doch das Auto des Jahrzehnts ruft nicht nur schöne Emotionen hervor, er sorgt auch für ein bisschen Trauer. Denn genau wie die Concorde in den Sechzigern kam, die Luftfahrt völlig auf den Kopf stellte, um dann viele Jahrzehnte später ohne Nachfolger wieder zu verschwinden, so wird auch der Veyron der letzte seiner Art sein.

Und damit all jene Leser, die sich über die Kofferraummaße, den Normverbrauch und die Feinstaubplakettenfarbe hinaus für die automobile Fortbewegung interessieren auch im Jahr 2010 weiterhin Grund zur Freude haben, werden wir uns auch im neuen Jahrzehnt wieder alle Mühe geben um „neue Technologien zu hinterfragen, Potenziale aufzeigen, Spaß- mit Sparfaktor vergleichen, Cleveres von Sinnlosem unterscheiden und uns manchmal einfach dem Reiz hingeben“.

Denn die asphaltfrage rennt keinem Zeitgeist hinterher.

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