Durchhalten – der Opel Insignia 2.0 CDTI ecoFlex

das überrascht: 247km/h mit 160PS
das ist gut: die Harmonie des Antriebsstranges
das weniger: immernoch die Farbe.


Auf dem Genfer Salon kann man in diesem Jahr einige interessante Details beobachten. So tischt man im VAG-Konzern üppig auf und lässt sich die Premierenparty einiges kosten. Mit einem Gewinn von 1.9 Milliarden Euro aus dem vergangenen Jahr lässt es sich eben unbeschwert leben, zumal die Produktpalette zukunftsgerechter ausgelegt ist, als bei den meisten Konkurrenten.

So zum Beispiel bei Opel. Nachdem man seit 2008 mit einem auf 200 Millionen Euro geschrumpften Eigenkapital zu kämpfen hat, Milliardenverluste eingefahren hat und selbst das für den Fortbestand der Marke so wichtige Volumenmodell Astra lässt sich kein halbes Jahr nach der Präsentation nur noch mit saftigen Rabatten und Incentives an den Kunden bringen.

Da passt es dann auch, dass man die Presse in Genf auf der Baustelle statt im Ballsaal empfängt und statt Nazan Ekes und Justin Timberlake lieber Betriebsrat Rainer Einenkel sprechen lässt: „Unsere Liquidität ist nur im ersten Halbjahr 2010 gesichert.“

Zwar hat General Motors hat seine bisherigen Finanzierungszusagen zur Sanierung seiner Tochter Opel um mehr als das Dreifache auf nun gut 1.9 Milliarden Euro aufgestockt, doch der Sanierungskraftakt ist damit noch nicht vollzogen.

Insgesamt belaufen sich die Kosten auf 3.7 Milliarden Euro. Das GM zur Zahlung der Hälfte dieser Summe bereit ist zeigt laut GM-Chef Ed Whitace das „klare Bekenntnis zum europäischen Geschäft“ und als einen Schritt, um bei allen Beteiligten – von den Kunden bis hin zu den europäischen Regierungen – „Vertrauen und Zuversicht in die Zukunft von Opel zu schaffen“.

Die Sorgen sind also groß und deshalb hoffen die Verantwortlichen in Rüsselsheim umso mehr auf die Strahlkraft des neuen – in Genf erstmal öffentlichkeitswirksam getesteten – Elektro-Opels Ampera, sowie den neuen Familienfreund Meriva.

Letzterer trägt die Designlinie von Insignia und Astra gekonnt fort und zeigt der Konkurrenz, dass auch „multi-purpose“-Fahrzeuge dynamisch und ansprechend gezeichnet werden können.

Da wir hier aber nicht nur über die Zukunft oraklen möchten, sondern dem potenziellen Kunden eine Entscheidungshilfe sein wollen soll es hier nun um die Gegenwart aus Rüsselsheim gehen, genauer den Insignia 2.0 CDTI ecoFlex.


Warum noch mal einen Insignia testen, schließlich haben wir doch bereits im Spätsommer des letzten Jahres einen in der Redaktion gehabt? Nun, damals waren wir mit dem Auto nicht so recht glücklich. Der Insignia leistete sich keine großen Patzer, erfüllte die Erwartungen mit Bravour und erhielt doch keine Empfehlung.

Unser Fazit damals lautete: Unser Tipp: Man sich bei der Ausstattungsversion etwas zurück und kombiniert den Opel stattdessen mit einem der großen Dieselmotoren, so erhält man für sein Geld ein gelungenes und solides Auto der oberen Mittelklasse, dass sich vor der Konkurrenz nicht verstecken muss.

Gesagt, getan. In der Presseabteilung reagierte man mit Verständnis auf unsere neuerliche Anfrage und war spontan bereit für die Herausgabe eines Modells mit dem oben genannten Dieselmotor.

Dass das neue Fahrzeug exakt denselben Farbton wie das vorangegangene Modell trug, werten wir hier mal als ironische Geste der Verantwortlichen, denn auch sonst war man unserer Empfehlung vom letzten Mal gefolgt: statt großen Rädern, Vollausstattung aber kleinem Motor gab es nun eine vernünftige Auswahl an Extras. Stoffsitze, aber dennoch  den formidablen Premium-AGR-Sitz, Xenonlicht mit AFL-Technik, DVD-Navigation, Klimaautomatik, Sitzheizung und noch ein paar andere Nettigkeiten. Mehr braucht das angenehme Autofahren kaum.

Einzig der richtige Motor fehlt zur vollendeten Zufriedenheit noch und auch hier gab es keine Enttäuschung. 160PS und 380Nm maximales Drehmoment im Overboost sollten für ordentliche Fahrleistungen sorgen.

Aber immer der Reihe nach. BlueEfficiency, TDIe, Bluemotion, ECOnetic und EfficientDynamics – kein Hersteller der etwas auf sich hält kommt derzeit noch ohne verbrauchsgünstige Ökomodelle aus, so auch die Rüsselsheimer, bei denen die Sparbrötchen auf den Namen „ecoFlex“ hören.


Interessanterweise nimmt man es bei Opel aber nicht ganz so ernst mit diesem Label, denn im Gegensatz zu den anderen Herstellern findet sich hinter dem Markennamen oft keine besondere Spritspar-Technik, sondern einfach das sparsamste Modell der jeweiligen Baureihe. Warum auch nicht, wenig Kraftstoff verbraucht er ja trotzdem.

Beim Insignia ecoFlex hingegen gibt es keine Spur von Alibi-Umweltschutz, sondern hier hat man sich ein paar Gedanken gemacht, wie man dem Serienmodell ein paar Zehntelliter im Verbrauch abgewinnen kann.

Kleine Spoilerlippen an der Front, ein geschlossener Kühlergrill, ein geringfügig tiefergelegtes Fahrwerk, ein verkleideter Unterboden und verwirbelungsarme Radkappen lassen in erster Instanz den bereits serienmäßig guten cw-Wert von 0,28 auf bemerkenswerte 0,26 fallen. Die Michelin EnergySaver der üppigen Dimension 225/55R17 sorgen sich derweil um einen verringerten Rollwiderstand.


Den entscheidenden Beitrag an der Ersparnis leistet aber wie immer die Getriebübersetzung, denn da sich der Verbrauch aus Kraftstoffmenge pro Einspritzdüsenhub und der Motordrehzahl (Anzahl der Einspritzungen) zusammensetzt ist eine Senkung der Letzteren immer in Betracht zu ziehen.

Ist man bei der Konkurrenz relativ zurückhaltend was die Verlängerung der Übersetzung angeht, so sind die Hessen hier wenig zimperlich: Ein neuer Achsantrieb mit 3.09:1er Übersetzung lässt den ecoFlex im letzten Gang bei 4500 Touren theoretisch über 340km/h fahren. Das lässt zwar die Elastizitätswerte trotz solidem Drehmoment im testrelevanten Bereich von 80-120km/h im 6. Gang auf 21.3s – und damit im Vergleich zum Vorgänger (Vectra 1.9 CDTI 110kW) um gute sechs Sekunden – abstürzen, doch die neue Abstufung eröffnet vor allem Eines: eine neue Dimension des Fahrens.

Der ge-ecoFlex-te Insignia ist ein Autobahnkurier par excellence, fühlt er sich im Stadtverkehr noch etwas unwohl auf Grund seiner mäßigen Übersicht und dämpft er mit einer recht sanften Fahrwerksauslegung auf der Landstraße die sportlichen Ambitionen, so passt auf der Fernreise alles zusammen.


Die Ergonomie der auf den ersten Blick überfrachtet wirkenden Mittelkonsole geht nach kurzer Eingewöhnung in Ordnung und verlangt danach keine Aufmerksamkeit mehr, der Sitzkomfort auf den aufpreispflichtigen Premium-Sitzen ist in der Tat Premium, der Geräuschkomfort kratzt ebenfalls an der Oberklasse, der Federungskomfort mit dem Serienfahrwerk in Kombination mit den voluminösen 225/55er Reifen ist angenehm und das adaptive Lichtsystem AFL gewährleistet in jede Situation guten Durchblick.

Spannt man nun die höchste Getriebestufe ein und setzt den Tempomat auf 130km/h stehen gerade einmal 1750 Umdrehungen an und der Bordcomputer zeigt einen Momentanverbrauch von 4.2 Litern. So lässt es sich reisen, doch erst wer dem rechten Fuß etwas mehr Bewegung zugesteht erkennt das wahre Gesicht des ecoFlex Insignias: er läuft und läuft und läuft.

150, 180, 210, 240 – immer weiter. Natürlich fahren Dir derweil die großen Sechszylinder-Diesel davon, über leistungsstarke Benziner brauchen wir gar nicht reden, aber die Gelassenheit und die Ruhe mit der der große Opel an Fahrt gewinnt und einfach immer schneller wird ist in der Vierzylinder-Klasse derzeit ohne Gleichen.


Merkwürdig an dieser Tempofähigkeit ist allerdings die im Fahrzeugschein notierte Höchstgeschwindigkeit. Dort werden 221km/h vermerkt, was in deutlichem Gegensatz zu den von uns gemessenen 247km/h steht. Wie das möglich ist? Das haben wir uns auch gefragt und einige Berechnungen gestartet.

Bei der von uns – mehrfach – getesteten Geschwindigkeit dreht der Insignia mit knappen 3250 Umdrehungen. Die technischen Daten weisen zu diesem Zeitpunkt 335Nm, was etwa 153PS entspricht. Mit dieser Leistung entwickelt der Insignia eine Zugkraft von 1.4kN, jedoch wirken bei 247km/h Fahrwiderstände von 1.7kN.

Unser Testexemplar scheint also besonders gut im Futter zu stehen, denn es bringt die 300N Differenz locker auf. Zurückgerechnet bedeutet dies 403Nm bei 3250 Umdrehungen und damit glatte 185PS. Runde 20 Prozent Mehrleistung als auf dem Papier sind schon ein Wort.

Doch eigentlich geht es dem ecoFlex nicht so sehr ums Rasen. Durchschnittstempi um 180km/h sind ihm am Liebsten. Der Verbrauch bewegt sich dann dank der moderaten Drehzahl von 2400 Touren um die 5.5 Liter pro 100 Kilometer, je nach Verkehrsaufkommen und Topographie.

Wir finden das ist ein sensationeller Wert für eine ausgewachsene Limousine, die vier Personen mit Gepäck in großem Komfort von A nach B bringt und zu keiner Zeit das hässlich triste Gesicht des Verzichts zeigt. Gemittelt haben wir über unsere Testdauer einen Verbrauch von 5.2 Litern erfahren, mit häufigen Ausreißern die eine Vier vor dem Komma trugen. Der Maximalwert lag um 7.9 Liter, die Acht war dem Rüsselsheimer einfach nicht abzuringen.


Natürlich haben unsere Kollegen aus dem Bahnhofskiosk-Regal in der überlangen Getriebeübersetzung den Stein des Anstoßes gefunden und bemängeln auch das Fehlen von Bremsenergierückgewinnunug und einem Start-Stopp-System, doch warum?

Der Insignia ecoFlex ist mit der 118kW starken 2.0 CDTI-Maschine ein Automobil mit einem klar definierten Anwendungsprofil. Er ist für die lange Strecke und für die schnelle Reise. Den geringen Verbrauch bekommt man als Bonbon obendrauf. Mehr kann und sollte man nicht erwarten. Denn das gute am Insignia ist diese Tatsache: er ist bereits seit einem halben Jahr im Handel, verzichtet auf neue Hochtechnologie und holt stattdessen das bestmögliche aus seinem Konzept heraus.

Keine Zukunftsmusik, keine Marketingfloskeln. Der ecoFlex ist ehrlich. Und er ist gut. Wir würden sogar sagen sehr gut. Bleibt zu hoffen, dass sich genug Kunden für den 27.500 Euro teuren Rüsselsheimer entscheiden, denn für den Diesel-Insignia trifft unser altes Fazit noch deutlicher zu:

“Letztendlich zählt für Opel der Kunde der mit Geld in der Tasche kommt und mit Kaufvertrag in der Hand geht. Der Insignia ist ein Schritt in die richtige Richtung und er wird viele dieser Kunden in die Opel-Vertretungen locken, die vorher zu Ford, VW, Renault und Co gegangen sind, da sind wir uns sicher.“

Wir drücken die Daumen.

Technische Daten:

Modell: Opel Insignia 2.0 CDTI ecoFlex Edition
Motor: 4 Zylinder Diesel, 1956cm³
Leistung: 118kW/160PS
Drehmoment:350Nm (380Nm Overboost)
Antrieb: Front, 6-Gang manuell,
Verbrauch: 5.2l/100Km Diesel
0-100km/h: 9.5sec
Vmax: 221km/h (oder eben 247km/h)
Preis: ab 27.500 EUR (Modell Selection)

Text: fm
Bilder, Florian Steinl(4), fm(6)

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