All-in-one – der Skoda Octavia RS Combi

das überrascht: nichts, denn es ist ein Skoda
das ist gut: fast alles, denn es ist ein Skoda
das weniger: das Design, denn es ist ein Skoda

Wir brauchen Alleskönner. Küchengeräte die Karotten schälen, Kartoffeln kochen, Broccoli dampfgaren und das Ganze dann auf Knopfdruck in ein gesundes Mittagessen verwandeln. Fernseher, die nicht nur fernsehen, sondern die häusliche Entertainment-Funktionen koordinieren, digital aufnehmen obwohl wir etwas anderes anschauen, online das Archiv sortieren, Werbung überspringen und das ganze dann noch in 50-Zoll-Full-HD ausgeben und trotzdem ohne einen Blick in die Bedienungsanleitung programmiert werden können. Nicht zu vergessen Kaffeemaschinen, die Dir morgens vollautomatisch den nicht jugendfreien Hardcore-Koffein-Hammer in die Tasse füllen, nachmittags eine mildere Mischung zubereiten und Dir nach 18 Uhr nur noch ein entkoffeiniertes Weichei-Käffchen gönnen.

Am dringendsten brauchen wir aber unsere mobilen Alleskönner. Von profaner Telefonie sprechen wir dabei nicht mehr, denn heute muss ein Handy schon social networker, iCal-Kalender, Fotostudio, Internetmaschine und push-mailer sein – alles andere geht gar nicht.

Wir können nicht mehr ohne. Haben Sie ihr iPhone schon einmal zu Hause vergessen? Ähnlich muss es sich anfühlen Mund und Ohren auf dem Nachttisch liegengelassen zu haben. Dabei kann es ohne doch so viel angenehmer sein – wann zum Beispiel haben Sie das letzte Mal ein entspanntes Abendessen mit einer gepflegten Unterhaltung genossen, bei dem Ihr Gegenüber einen BlackBerry dabei hatte? Sehr lange her? Wahrscheinlich.

Nie ist seine volle Aufmerksamkeit bei ihren Worten, ein Auge ist immer auf dem Display. Piepst der kleine Alleskönner dann kurz auf wird die eingegangene Mail dann in einer Hektik gelesen, dass man meinen könnte es ginge um die Entführung der Tochter. Obwohl es am Ende dann doch nur das Angebot einen Eimer Viagra zum Super-Sonderpreis zu kaufen war…

Was hat man also von den telekommunikativen Alleskönnern? Vor allem keine Möglichkeit mehr abzuschalten. Man ist nie bei der Sache – körperlich zwar anwesend, mental aber meist woanders. Die Konsequenz daraus ist, dass man weder Spaß haben, noch entspannen kann. Dazu kommt, dass die Zahl der echten (nicht social network-) Freunde dramatisch sinkt, man so noch mehr Zeit im Büro und am BlackBerry verbringen kann und schon kurz darauf stressbedingt statt von der Melodie des Weckers unsanft vom Defibrillator geweckt wird.

Ob die Skoda- und VW-Chefetage ebenfalls auf die all-in-one-Geräte für die Hosentasche vertraut wissen wir zwar nicht, Stress gibt in diesen Tagen dennoch auf beiden Seiten. Der Lenker der tschechischen VW-Tocher, Reinhard Jung, wird zum Herbst des Jahres sein Büro räumen müssen, denn er hat einen gravierenden Fehler begangen: er war zu gut.

Zu gut? Ja, denn die Oberen aus Wolfsburg waren nicht sehr begeistert von der Tatsache, dass die „günstigen Einstiegsmodelle“ aus Mladá Boleslav mittlerweile die Testberichte gegen die Modelle des Mutterkonzerns gewinnen. An sich stellt diese Tatsache kein Problem dar, doch in der Bilanz hinterlässt die aktuelle Kräfteverschiebung einige Spuren.

Skoda erwirtschaftet nicht den Gewinn, der den Verlust auf der VW-Seite durch die niedrigen Verkaufszahlen auffangen könnte. Woran liegt das? An der starken Währung der Tschechen, denn die Krone ist aktuell dem Euro deutlich überlegen und sorgt so für schmerzhafte Wechselkursverluste. Zudem sind die Produktionskosten über die Jahre stark gestiegen und passen sich immer mehr dem westeuropäischen Niveau an.

Aus diesem Grund soll die neue preiswerte Einstiegsfamilie des Wolfsburger Konzerns auch in der Slowakei und nicht wie geplant in Tschechien gebaut werden. Mit all diesen Entscheidungen hat Reinhard Jung aber nichts mehr zu tun. Die von ihm auf Kiel gelegten Skoda-Modelle der aktuellen Qualitätsstufe werden in diesem Maße wohl nicht mehr nachfolgen, denn die Tschechen müssen sich in Zukunft wieder auf preiswerte Einstiegsmodelle beschränken.

Und genau an dieser Stelle kommen wir ins Spiel. Wir testen an Hand eines Skoda Octavia RS Combi, ob neben dem aktuellen Superb auch der kleine Bruder Dolchstoß-Potenzial besitzt. Wenngleich es auch – so könnte man zur Verteidigung Jungs argumentieren – keinen leistungsstarken Sportkombi im restlichen Portfolio des Wolfsburger Gemischwarenladens, der wie der Octavia in der Golf-Klasse antritt, gibt und der RS dementsprechend auch keine Verkaufszahlen kannibalisieren kann.
Das Äußere des Octavia wird ebenfalls nicht dafür sorgen, dass den Wolfsburgern die Kunden in Scharen davonlaufen: er ist unauffällig. Ein normaler Kombi eben. Keine abfallende Dachlinie, keine fensterlosen Scheiben, keine sonstigen Gimmicks – der Skoda ist praktisch. Die Front trägt seit der letzten Modellpflege die großen Augen der nicht-RS-Brüder, wie auch den Schnauzbart-Kühlergrill, der mittlerweile zu einem Markenzeichen der Tschechen geworden ist.

Selbst am Stoßfänger können nur Kenner das Topmodell der Baureihe ausmachen. Zu schlüssig sind die RS-Tagfahrleuchten in die Front integriert und zu dezent fällt das Maschendrahtgitter in den Kühlereinlässen aus. An den Seiten fehlen die Insignien der motorischen Macht völlig und das Heck wird nur vom dezent verchromten und zurückhaltend dimensionierten Doppelrohr-Auspuff aufgewertet. Das könnte so auch am Serien-2.0-TDI montiert sein. Einzig die freizügigen Doppelspeichen-Aluräder in 18-Zoll-Maß, hinter denen sich die rot lackierten Bremssättel in der Sonne spiegeln, zeigen das Potenzial des 200PS-Kombis in gewohnter Manier.


Wie wir das finden? Gut natürlich. Der Octavia RS ist ein schönes Auto. Dezent, durchdacht und ohne Krawall. Ein Auto, dessen Anblick sich nicht überlebt, wenn sich der Mainstream-Geschmack ändert. Wer der Nachbarschaft natürlich zeigen will, dass er sich gerade ein 30.000 EUR teures Auto mit mächtig Leistung unter der Haube gekauft hat, der wird mit der tschechischen Diskretion nicht viel anfangen können.

Mit dem geräumigen Innenraum hingegen wohl schon. Der Kofferraum ist nicht nur aufgeräumt und somit gut nutzbar, mit einem Volumen von bis zu 1620 Litern ist er der Konkurrenz auch bei der Kapazität deutlich überlegen. Beim Platzangebot im Innenraum kann sich der Octavia zwar nicht so deutlich von der hausinternen Konkurrenz absetzen, doch der Raum geht sowohl auf den hinteren Plätzen, wie auch in der ersten Reihe vollkommen in Ordnung.

Über das Platzangebot hinaus geht dagegen der Sitzkomfort. Zwar können die RS-Sportsitze nicht den BigMäc-fühlenden Seitenhalt der Schalensitz-Konurrenz bieten, dafür überzeugen sie mit einem sehr guten Langstreckenkomfort. Mag der weiße-Alcantara-Mix der RS-eigenen Sitzbezüge auch etwas anfällig für Verschmutzungen sein, die Kombination aus Leder an den Seitenwagen und Stoff in der Mittelbahn ist eben immer wieder ein Garant für ein angenehmes Sitzklima.

An den Händen soll das gelochte Leder des Sportlenkrades für guten Griffkomfort sorgen, wenn auch das Volant an sich etwas aus dem Rahmen fällt: der Pralltopf, dessen Chromspange den Kühlergrill zitieren soll, bleibt in seinem Design etwas zu plump, wie auch der Schalthebel, der eher auf einen Spazierstock als auf die Bedienung eines sportlich-präzisen Sechsganggetriebes passt.


Es sind diese kleinen Dinge, die dem aufmerksamen Skoda-Fahrer immer wieder das strikte Regiment der Wolfsburger-Konzernmutter in Erinnerung rufen. Denn eines ist klar, aus Absicht verbaut man in Mladá Boleslav solche stilistischen Reliquien ganz bestimmt nicht. Auch bei der Innenraumbeleuchtung, dem Schiebedachwählschalter und den Haltegriffen zeigt sich, dass sich der Octavia mit Teilen aus längst vergangenen Golf-Modellen eher um die Wolfsburger Lagerhaltung, als um schickes Design kümmern muss.

Doch all das kann den guten Eindruck des RS nicht schmälern, denn beim wichtigsten Merkmal eines sportlichen Topmodells war VW nicht geizig: beim Motor. Der Octavia RS darf seit dem letzten Modelljahr ebenfalls das neue Triebwerk aus dem Golf VI GTI unter der Haube tragen. Seine Leistung liegt zwar wie beim zahnriemengesteuerten und nur EU4 abgasarmen Vorgänger ebenfalls bei 200PS und 280Nm, doch alles andere wäre auch zuviel der Ansprüche.

War schon der alte Motor ein tolles Aggregat, so legt der Neue noch einmal deutlich drauf. Dabei ist es nicht unbedingt die absolute Kraft mit der der EU5-2.0-Liter-TSI überzeugt, sondern vor allem seine vielen Facetten. Im Leerlauf ist er unwahrscheinlich seidig und lässt sich weder zu Vibrationen, noch zu aufdringlichen Auspuffgeräuschen hinreißen. Dennoch tritt er bereits ab Start derart kraftvoll an, dass man sich in einem Selbstzünder wähnt. Das maximale Drehmoment liegt bereits ab 1700 Umdrehungen an und fällt erst nach 5000 Touren sanft ab.

Man kann den RS also tatsächlich fahren wie einen Diesel: früh schalten, ziehen lassen und die vorhandene Kraft lässig ausnutzen. Das Verbrauchsergebnis ist demnach sensationell. Wir sind den Octavia im Testmittel unter 8 Litern Super Plus gefahren, der Rekord lag gar bei 6.1 Litern auf langer Autobahnfahrt.

Natürlich, konzeptbedingt sind solche Werte nur mit absoluter Disziplin zu erreichen und sobald man anfängt mit Tempi um 130-160km/h im linken Autobahnverkehr mitzuschwimmen klettert der Verbrauch über die 7 Liter, dennoch ist es bemerkenswert was derzeit mit moderner Einspritztechnologie, einer durchdachten Getriebeübersetzung und einem intelligenten Gasfuß möglich ist.

Wer den Sport-Octavia allerdings fährt wie einen Benziner, der wird zwar auf der Verbrauchsseite keine Wiesen mehr blühen sehen, dafür aber mit einem Drehzahlfenster belohnt, das uns jedes Mal aufs Neue fragen lässt, warum wir nur je auf den Ölmotor hereinfallen konnten: vibrationsarm dreht der 2.0-TSI hoch, drückt dabei ohne Nachzulassen und rennt mit vollem Eifer bei 7000 Umdrehungen in den Begrenzer. Kein Abflachen der Leistungskurve, keine Zugeschnürtheit, sondern Kraft bis zum Schluss. Trotz Frontantrieb und hoher Leistung arbeitet der Antriebsstrang dabei sehr effizient und verkneift sich sowohl übermäßige Lenkeinflüsse, wie auch ein Durchdrehen der Räder. Das Ergebnis der Mühen sind 7.3 Sekunden von 0 auf 100km/h und eine Höchstgeschwindigkeit von 239km/h.

Er ist also doch sportlich. Das zeigt auch das Fahrwerk: hier kümmern sich noch herkömmliche Schwingungsdämpfer um den Kontakt zur Straße, Adaptivität und veränderbare Kennlinien sucht man vergebens. Straffer als die Serie sind sie jedoch und die Höhe des Fahrwerks wurde insgesamt moderat tiefergelegt. Derart gerüstet wird der Octavia RS zwar keine Rundenrekorde brechen, doch er löst jede fahrdynamische Aufgabe mit ordentlichem Erfolg. Die elektrische Servolenkung gibt ihr Bestes in Sachen Feedback und die Abstimmungs-Härte ist auf den Punkt: man fühlt den Skoda in der Kurve gut, ohne nach kurzer Zeit von seiner Mitteilsamkeit genervt zu sein.

Genau dieser Abstimmungsspagat lässt vor allem ein Anwendungsgebiet in den Fokus rücken: die Langstrecke. Wie schon der Superb, überkommt den Fahrer auch im Octavia sofort die Lust auf die große Reise. Es passt einfach alles, die Sitzposition, der Geräuschkomfort, das angenehme Fahrwerk und nicht zuletzt das perfekte Navigationssystem. Die Festplatten-gestütze Touchscreen-Einheit war in unserem Testwagen sogar noch mit dem optionalen Soundsystem ausgerüstet, welches in seiner Abstimmung und Tonalität nicht besser zum Auto hätte passen können: sauber, ehrlich und ohne Effekte.

Es ist deshalb auch die Langstrecke, die uns dabei hilft den Octavia RS einzuordnen. Vielleicht mag man sich von einem Sportmodell mehr maskuline Attribute wünschen, mehr Auffälligkeiten fordern und mehr Strenge erwarten – der Skoda hingegen kontert mit seiner Gesamtheit. Er reizt all seine Eigenschaften genau soweit aus, dass keine andere dadurch beeinträchtigt wird.

Der Skoda Octavia RS Combi ist nah am Alleskönner, ein Auto, bei dem wir nicht wirklich wissen was wir kritisieren sollen. Vielleicht aber doch, denn nach den zwei intensiven Wochen des Fahrens sind wir uns bei der Motorwahl immer noch nicht sicher. Der getestete 200PS-Benziner ist perfekt, da gibt es gar nichts dran zu rütteln, doch uns bedrückt immer das Gefühl das Triebwerk nicht artgerecht zu nutzen. Ja, er verbraucht wenig bei zurückhaltender Fahrweise und ja, er geht heftig nach vorne, wenn man ihn am Begrenzer auswindet. Beides jedoch passt irgendwie nicht zur zügigen Langstreckenreise und der 170PS-Selbstzünder drängt sich als Alternative förmlich auf.

Wahrscheinlich aber ist der Otto-TSI die bessere Wahl, denn das Nageln, Rasseln und Schütteln des TDI würde der Faszination wohl deutliche Einbußen bescheren. Dann hält man sich auf der Autobahn eben etwas zurück, genießt bei offenem Schiebedach die strahlende Sonne, stellt den Tempomaten ein und lässt mit Explosions in the Sky aus den superben Boxen die Kilometer ins Land ziehen und stellt sich die Frage, warum um alles in der Welt die Menschen der Bahn und dem Flugzeug den Vorzug geben – denn das ist doch alles viel zu hektisch.

Technische Daten:

Modell: Skoda Octavia RS Combi
Motor: 4 Zylinder Benziner, 1984cm³
Leistung: 147kW/200PS
Drehmoment: 280Nm
Antrieb: Front, 6-Gang manuell,
Verbrauch: 7.9l/100Km Super+
0-100km/h: 7.3sec
Vmax: 239km/h
Preis: ab 28.590 EUR

Text: Fabian Mechtel
Bilder: Fabian Mechtel

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: