sovereign – der neue Jaguar XJ 5.0 V8

das überrascht: seine Aura
das ist gut: alles, gerade das Neue
das weniger: der angelötete Blick


Wo liegt das Hauptproblem moderner Oberklasse-Fahrzeuge? Im Antrieb? Nein. Im Fahrkomfort? Nein. Bei den Assistenzsystemen? Schon gar nicht. Es liegt im Platz, genauer dem Platz auf der Rücksitzbank – es gibt nämlich keinen.

Denn seien wir einmal ehrlich, wer wohlhabend genug ist sich ein solch großes Fahrzeug und einen Fahrer zu leisten, der ist auch wohlhabend genug für viele ausgedehnte und interessante Geschäftsessen. Und weil ein derart Beschäftigter seine Zeit demnach mehr mit dem Geldverdienen als mit dem Fitnessstudio verbringt, wird er unumgänglich auch recht korpulent sein.

Ein kleiner Fond kann deshalb schnell zu einem Problem werden. Natürlich, man kann immer noch eine lange S-Klasse kaufen oder sofort zum Rolls-Royce Phantom LWB greifen, doch was tun, wenn man ein bisschen mehr Wert auf Flair und Design legt?

Aston Martins Rapide fällt zwar durch seine Form, seinen Motor und seine Geräuschkulisse auf, mit Blick auf den Platz in der zweiten Reihe fällt er aber auch gleich wieder aus. Ebenso Porsches Panamera. Nicht nur, dass er eines der am schlechtesten proportionierten Hinterteile der Automobilgeschichte tragen muss, nein, die Versuche der Designabteilung mit diesem Konstrukt etwas mehr Kopffreiheit für die Fondpassagiere zu generieren schlug trotzdem fehl. Aussteigen ist hier das falsche Wort. Herausrollen würde eher passen. Und das kommt früh am Morgen vor dem 38-stöckigen Glas-Stahl-Beton-Palast des Kapitalismus nicht wirklich gut.

Was bleibt also? Der Maserati Quattroporte. Ja, der italienische Viertürer bietet Eleganz, Stil und Platz. Mehr braucht es nicht. Oder doch? Eine funktionierende Klimatisierung zum Beispiel, oder ein Navigationssystem, das nicht nur im Kreis, sondern auch zum Ziel führen kann. Da hilft selbst das herzerweichende Crescendo unter der Motorhaube nicht darüberhinwegsehen.

Zum Glück aber gibt es da noch Jaguar. Die Aufgabe einen stilvollen Luxustourer für vier Personen auf die Räder zu stellen, verstanden die Männer im Tweed bisher nur zu gut. Bisher, denn der neue XJ ist nicht weniger als eine Revolution.


Einige trauern dem traditionellen Doppelscheinwerfer und der seit 1968 nur dezent veränderten Silhouette hinterher, doch „the new jag“ schärft die Krallen für eine neue Käuferschicht. Der große Maschendrahtkühlergrill kündet ebenso von Kraft, wie die modellierten Powerdomes auf der Motorhaube.


Die Seitenlinie mit der hohen Fensterlinie und dem weit zurückgesetzten Greenhouse soll laut Jaguar an die Flybridge einer Yacht erinnern (deshalb die schwarze C-Säule in Kombination mit den getönten Scheiben). Am Heck und dessen stehenden LED-Rückleuchten scheiden sich jedoch die Geister. Sehen die einen dort einen Citroen C6, sehen die anderen den Lancia Thesis. Egal, uns gefällt es. Vor allem in schwarz, denn dann wirkt die springende Katze besonders gut.


Überhaupt finden wir den neuen XJ besonders mit langem Radstand stilistisch sehr gelungen. Der Jag wirkt nicht protzig, nicht aufdringlich, sondern ist einfach nur schön. Außer vielleicht der angelötete böse Blick über den Xenonscheinwerfern vorne. Das gehört eher an der Wörthersee, als vor das Wiesbadener Kurhaus.


Innen gibt es dafür keinerlei Anlass mehr zur Kritik. In der Portfolio-Ausstattung geizt der XJ nicht mit seinen Reizen: Das verwendete Leder ist nicht nur weich wie ein teurer Handschuh, es riecht auch so. Über die Steppung der Nähte und die restliche Auslegeware muss man sowieso kein weiteres Wort verlieren. Hier könnte die deutsche Konkurrenz gerne einmal in die Lehre gehen.


Bei der Bedienung haben sich die Ingenieure aus dem Königreich ebenfalls nicht bremsen lassen und so tobt das Volk der Traditionalisten, wie auch Motorjournalisten laut auf. Ein TFT-Display anstelle analoger Instrumente und ein Touchscreen-Bedienmonitor in der Mittelkonsole sorgen nicht nur für beinahe unbegrenzte Anzeigeoptionen, sondern lassen sich auch bestens auf die eigenen Informationsbedürfnisse anpassen. Natürlich braucht man den Chromring um den Drehzahlmesser nicht unbedingt virtuell entstehen zu lassen, doch warum nicht? Willkommen im Jahr 2010.


Selbst die Betätigung der Gangwahl hat man bei Jaguar schon mit der Erscheinung des XF verändert und die historische J-Kulisse gegen den Drive-Selector ausgetauscht. Er fährt nach Betätigung der Zündung sanft aus der Mittelkonsole und kann dann in die gewünschte Position gedreht werden. Fertig – kein Drama, kein Wirrwarr, sonder klare Funktionalität. So einfach kann Moderne sein.


Beim Fahren ist der neue XJ dann aber wieder ein Jaguar im alten Stil: komfortabel, gelassen und mit der gewissen Portion Dynamik. Dafür sorgt vor allem das adaptive Fahrwerk, für das es natürlich den obligatorischen Sportmodus gibt. Aktiviert man diesen, ziehen die Gurte die Passagiere bestimmter in die Sitze, die Instrumente werden rot hinterlegt und das ganze Auto wird etwas hysterisch. Das Fahrwerk neigt zur Härte, das Getriebe wird nervös und die Gaspedalkennlinie lässt keine wirklich homogene Fortbewegung mehr zu. Also wieder abschalten und zur Ruhe kommen.

Vielleicht sogar mit ein bisschen Musik. Zwar hat man uns untersagt das Audio-System der Vorserienfahrzeuge mit MP3-Files vom iPod oder gar einem Bluetooth-Stream vom Handy mit abspielbarem Material zu versorgen, das Bowers&Wilkins-System wäre angesichts dieser beschnittenen Frequenzspektren wohl auch eher beleidigt gewesen.


Denn wo andere Hersteller mit namhaften Zulieferern und durchgestylten Boxengittern, wie akrobatischen Ausfahrmechanismen protzen, gibt sich die B&W-Anlage sehr britisch. Understatement lautet ihr Motto, wenn auch die charakteristisch gelben Kevlar-Membranen der Lautsprecher gerade bei dunklem Interieur nicht zu übersehen sind. Insgesamt 20 dieser High-End-Chassis haben die Briten im XJ verbaut und betreiben sie über diskrete Kanäle mit ordentlichen 1.2kW Musikleistung. Das Ergebnis des Aufwandes ist eine toll gezeichnete Bühne, die den Klang dort entstehen lässt wo er hingehört und ein Bassfundament was vielleicht nicht für den db-Drag reicht, wohl aber für angenehm mitfühlendes Hören sorgt.

Noch mehr fühlt man höchstens mit, wenn plötzlich ein erboster 2.0-TDI-Fahrer im Rückspiegel auftaucht und die linke Spur für sich reklamiert. Der rechte Fuß gibt ein paar Grad mehr Drosselklappenwinkel frei, der große V8 atmet einmal durch und setzt die Alukarosserie dann sanft in die hinteren Federn. Ohne Zurückschalten, ohne Ausdrehen, einfach so – 515Nm aus dem Ärmel geschüttelt.


Es ist genau diese Abstimmung, die das Fahren im neuen XJ 5.0 V8 so souverän macht. Natürlich könnte er zwei Stufen in der famosen 6-Gang-Automatik zurückschalten und so dem Drängler noch schneller enteilen, natürlich klingt der Achtzylinder an der Drehzahlgrenze schön rotzig und frivol, doch gerade die Gelassenheit es nicht zu müssen macht den Reiz aus. Mit sonorem Bass schwingt sich der lange XJ mit seinen 385PS auch von 1500 Umdrehungen an lässig nach vorne und vermittelt nie das Gefühl untermotorisiert zu sein. Kompressor, Biturbo, Downsizing – alles Unsinn. Hubraum ist und bleibt durch nichts zu ersetzen. Der Verbrauch am Ende der Testfahrt spricht eine ähnliche Sprache, denn mit 11.8 Litern Super wäre so manch turbogeladener Konkurrent keine 100 Kilometer weit gekommen.


Der neue Jaguar XJ ist also eine wirklich gute Alternative zu den Arrivierten in der automobilen Oberklasse. Nicht mehr wegen seiner Historie, sondern weil seine Werte überzeugen. In Stilfragen ist er sowieso über die Konkurrenz erhaben.

Bleibt der Preis, 108.600 EUR Grundpreis sind eine Menge Geld. Mag auch die Ausstattung stimmen und die Basisdiesel im Einstieg günstiger sein – der Wertverlust wird vermutlich hoch sein und mit ihm die Leasingraten. Hoffentlich wird das dem XJ nicht zum Verhängnis, denn die Zeit ist reif für „the new sovereign“.

Technische Daten:

Modell: Jaguar XJ L 5.0 V8 Portfolio
Motor: 8 Zylinder Benziner, 5000cm³
Leistung: 283kW/385PS
Drehmoment:515Nm
Antrieb: Heck, 6-Gang automatisch,
Verbrauch: 11.4l/100Km Benzin
0-100km/h: 5.7sec
Vmax: 250km/h
Preis: ab 108.600 EUR

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