Auferstehung – der neue Saab 9-5 2.8T V6 XWD Aero

Es war der 20. Februar 2009, da meldete der schwedische Autobauer Saab Insolvenz an. Experten sahen in diesem Schritt das Ende des 1947 gegründeten Unternehmens. Eine Zeit lang sah es auch tatsächlich so aus, als ob die Experten Recht behalten sollten. Denn erst wollte der potenzielle Retter und schwedische Sportwagenhersteller Koenigsegg mit Hilfe der Europäischen Investitionsbank (EIB), konnte aber nicht, dann sollte es mit Hilfe des chinesischen Autobauers BAIC klappen. Doch auch dieser Schachzug endete in einer Sackgasse. Erst Ende 2009, als der US-amerikanische Mutterkonzern General Motors bereits die Abwicklung des skandinavischen Traditionsunternehmens angekündigt hatte, tauchte ein neuer Retter auf: Spyker.


Am 26. Januar 2010 war es soweit, der holländische Sportwagenbauer Spyker und GM sind sich einig. Für 74 Millionen Dollar in bar, dazu 326 Mio. Dollar in Vorzugsaktien des neuen Unternehmens Saab Spyker Automobile gilt der schwedische Autobauer als gerettet. Wirklich gerettet? Denn auch wenn dieser Deal durch einen 400 Mio. Euro Kredit der Europäischen Investitionsbank zusätzlich gestützt wird, fehlt dem 3.400 Mitarbeiter starken Unternehmen erstmal eins: Eine moderne Modellpalette. Doch in Trolhätten, dem Firmensitz von Saab, war man während dieser turbulenten Periode nicht untätig. Mit stoischer Ruhe wurde der Nachfolger des Topmodells entwickelt. Das Ergebnis: Der Saab 9-5 der zweiten Generation. Auf der IAA 2009 gab er sein Debüt, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal sicher war, ob diese fünf Meter lange Limousine jemals ihren Weg in die Verkaufsräume schaffen würde. Doch sie schaffte es. Seit Juni 2010 kann man auch in Deutschland den 9-5 ordern.


Optisch hebt sich die Limousine der gehobenen Mittelklasse wohltuend von den Wettbewerbern ab. Vorsichtig wird das Design der eigenen Fahrzeughistorie zitiert, ohne einen verkrampften Retrolook zu kreieren. Zum Look-Back gehört die relativ aufrecht im Wind stehende Frontscheibe genau so, wie die charakteristische Fensterlinie samt Knick in der C-Säule. Hockey-Schläger-Design nennen die Gestalter das und unterstreichen den daraus resultierenden Flugzeugkanzeleffekt (O-Ton Saab) noch mit einer Chromleiste. Doch das üppige Äußere bietet noch mehr zum entdecken. Zum Beispiel die feingliedrigen Seitenblinker, die sich kaum sichtbar und nur zart bläulich schimmernd, erst durch antippen des Blinkerhebels als solche im Aussenspiegel zu erkennen geben. Oder das umlaufende rote LED-Band am Heck, das dem 9-5 auch in der Dunkelheit ein eindeutiges Erkennungszeichen gibt. Das sind die Details, die nicht nur eingefleischte Saab-Fahrer schätzen. Bloß kein Mainstream!


Diese Prämisse setzt sich auch im Innenraum fort. Das Cockpit ist fahrerorientiert, grün beleuchtet und der Zündschlüssel steckt – wie schon immer in einem Saab – in der Mittelkonsole. Gestartet mit jedoch mehr mit dem altmodischen Bartträger, sondern dem Zeitgeist entsprechend mit einem Startknopf. Keyless Start serienmäßig. Leider täuscht dieser erste äußerst positive Eindruck nicht darüber hinweg, dass vieles, was so typisch Saab erscheint, sich wie Opel anfühlt. Kein Wunder, denn der 9-5 stammt noch aus der Zeit als mit der ehemaligen amerikanischen Mutter GM gemeinsam entwickelt wurde. Das Ergebnis ist eine Plattform, die sich Saab heute mit dem Opel Insignia und dem Buick Regal teilt. Das für sich genommen ist kein Nachteil, der Insignia ist nicht umsonst Auto des Jahres 2009 geworden und nachgewiesen ein gutes Fahrzeug.


Doch der Saab 9-5 will nicht mit seinem Halbbruder spielen, er strebt nach Höherem: Audi A6, BMW 5er und Mercedes-Benz E-Klasse sind die auserkorenen Konkurrenten. In dieser Klasse kommen jedoch billig wirkende Lenkstockhebel und klapprige Kunststoffblenden im Cockpit nicht gut an. Doch auch beim Fahren tauchen einige Punkte auf, die nicht so ganz in das gewählte Preissegment passen: Deutliche Windgeräusche an der A-Säule oder eine etwas nervöse Lenkung, völlig unabhängig, ob man das sonst äußerst feinfühlig reagierende DriveSense System in Komfort-, Intelligent- oder Sport-Modus stellt.


Überhaupt scheint dieses System, das Fahrwerk, Lenkung, Motor, Automatikgetriebe und Drehmomentverteilung (bei den Allradvarianten XWD) optimal auf das Fahrverhalten abstimmt, am besten im Intelligent-Modus mit dem mindestens 1,7 Tonnen schweren Fahrzeug zu harmonieren. Denn selbst die Topmotorisierung, ein 2,8 Liter großer V6-Turbomotor mit 300 PS, mag dem Fahrer des dann mindestens 1,9 Tonnen schweren Wagens kein richtiges Lächeln ins Gesicht zaubern. Zu Träge die Leistungsentfaltung, zu üppig der Verbrauch (rund 13 Liter im asphaltfrage-Mix). Spritsparsysteme? Fehlanzeige. Dabei rühmt sich die Marke als Vorreiter des Downsizings durch effiziente Turbomotoren. Leider hat Organspender und Triebwerklieferant Opel aktuell nichts Zeitgemäßes im Angebot. Auch keinen überzeugenden Sechszylinder Dieselmotor, der in dieser Klasse eigentlich unerlässlich ist.


Bei all diesen Kritikpunkten darf man jedoch eins nicht vergessen: Wo kommt Saab her? Vor einem Jahr noch totgesagt, gibt das schwedische Unternehmen mit dem 9-5 ein unübersehbares Lebenszeichen ab. Das sympathische dabei: Saab pflegt wieder verstärkt seinen besonderen Stil, den die ehemals 100.000 Kunden bisher immer so schätzten. Der dabei eingeschlagene Weg ist der richtige. Der Saab 9-5 ist solide, grundehrlich und fährt in allen Lebenslagen äußerst sicher. Er ist daher ein angenehmer Reisebegleiter und bietet all denjenigen, die der Tristesse der Mittelklasse entfliehen wollen und dabei auch ihr ausgeprägtes Geschmacksbewusstsein nach außen demonstrieren wollen genau die richtige Plattform. Und eben aus diesem Grund mag asphaltfrage.de den neuen Saab 9-5. Die Marke hat es verdient, weiterzuleben. Gerade wegen ihrer immer leicht exaltierten Fahrzeuge. Es scheint, als hätten die Schweden mit dem 9-5 die Tristesse der 90er Jahre überwunden und sich trotz der GM-Gene vom GM-Denken befreit. Jetzt fehlt nur noch der nötige Feinschliff.

Technische Daten:

Modell: Saab 9-5 2.8T V6 XWD
Motor: V-Sechszylinder, 2792 ccm
Leistung: 300 PS bei 5500 U/min
Drehmoment: 400 Nm bei 2000 U/min
Antrieb: Allrad, 6-Gang Automatik
Verbrauch: 10,6 l / 100 Km Super
0-100 km/h: 6,9 sek.
Vmax: 250 km/h (abg.)
Preis: ab 52.500 Euro

Text: Axel Griesinger
Bilder: Fabian Mechtel

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