Der Letzte wird der Beste sein – Mercedes-Benz E63 AMG

das überrascht: weniger Verbrauch als ein Toyota Prius
das ist gut: das Geräusch eines frei saugenden 6.2 Liter V8
das weniger: Luftverlust am Hinterrad


von Fabian Mechtel, Bilder: Andy Wiezorek

Sein Ableben ist beschlossene Sache. Die Zukunft gehört der Downsizing-Moderne und dort finden Verbrennungsmotor-Dinosaurier wie der 6.2-Liter V8 von AMG keinen Platz. Es ist also an der Zeit sich dem frei ansaugenden 525 PS-Triebwerk ein letztes Mal hinzugeben.


Zuerst allerdings in der Theorie. Auf der Suche nach Antworten muss man dem Energiesparpotenzial der verbrennungsmotorischen Neuzeit auf den Grund gehen. Wie? Indem man das Ergebnis auf die eingesetzten Mittel bezieht. Dieses ist in unserem Fall singulär und nennt sich Kraftstoff, oder auch Motorenbenzin. Das Ergebnis allerdings ist da schon schwieriger zu beschreiben. Wir verzichten auf realitätsfremde Prüfstandswerte, schafft doch kein Fahrer im echten Verkehr die genormten Zyklusabläufe nachzuahmen. Unser Ergebnis setzt sich aus Durchschnittsverbrauch und Durchschnittsgeschwindigkeit zusammen. Das ist griffig, realitätsnah und vor allem repräsentativ, die Daten sponsert uns nämlich unser Lieblings-Geiz-Portal spritmonitor.de.


Bleibt nur der Kontrahent auszuwählen, doch schwer fällt die Wahl eigentlich nicht. Es kann nur der Toyota Prius sein. Schließlich scheint er laut einschlägiger Meinung die Antwort auf alle Fragen der Erderwärmung zu sein. Einige Stunden haben wir schon mit der Datenerfassung, der Auswertung und der Erstellung der Formeln zugebracht, doch das Ergebnis war es wert:

Der Toyota Prius III ist sparsamer als ein Mercedes E 63 AMG.

Einen Grund zum Feiern gibt es für die Sympathisanten der Öko-Hybrid-Bewegung allerdings trotzdem nicht. Mit einer Energieeffizienz von 15.21% ist der japanische Wunderknabe weit von grünen Wiesen und blauem Himmel entfernt. Der große Mercedes ist mit einem Wert von 10.14% zwar auch kein Kandidat für den Preis des Umweltretters, dafür sollte seine Gesamt-CO2-Bilanz im Gegensatz zum Prius, dessen Akku-Herstellung ein dramatisches Loch in die weiße Weste reißt, nicht unwesentlich schlechter ausfallen.


Klar macht dieser Vergleich nur Eines: hinterfragt man die Umweltkonzepte der Hersteller genauer, entpuppen sich ihre Einsparmöglichkeiten oft als wenig zukunftsweisend. Diesem Thema schon eher verpflichtet ist der Vortrieb, den der 6.2-Liter V8 von AMG generiert, und in der Karosserie der aktuellen Mercedes E-Klasse findet der Motor ideale Bedingungen vor. Hier kann er frei durchatmen und muss sich nicht übermäßig an Luxuspfunden abschleppen.


Auch die optische Erscheinung des E63 AMG ist gelungen. Das Kantige der aktuellen Mercedes-Formensprache wird von den aerodynamischen Anbauteilen zur Vollendung modelliert. Die stärkste E-Klasse kommt dabei ohne Machoallüren aus, sie steht einfach kraftvoll und satt auf ihren 19-Zoll-Rädern. Zum Einen liegt das an der neu gestalteten Frontschürze, die nicht nur dem gesteigerten Kühlluftbedarf von Wasser, Öl und Bremsanlage Rechnung trägt, sondern sich auch um gute Abtriebswerte an der Vorderachse kümmert. Natürlich gibt es auch ein integriertes LED-Tagfahrlicht. Im Gegensatz zu den zivilen E-Brüdern steht es dem AMG aber ausgezeichnet. In Verbindung mit den bei Wahl der Intelligent Light System-Option färbt Mercedes-Benz außerdem die Hauptscheinwerfer dunkel ein und verleiht dem Gesicht der 525PS-Limousine so einen zusätzlichen Akzent.


Dabei sind es genau diese Nuancen, die den E63 AMG ausmachen. Die um 56mm breiter Spur an der Vorderachse beispielsweise. Zusammen mit den muskulöseren Kotflügeln stellt die Limousine so ihre Leistungsfähigkeit subtil zur Schau. Die Auspuffanlage nimmt diese Diskretion – zumindest optisch – auf. Statt der vier mächtigen Ovalrohre der früheren Jahrgänge gibt es nun zwar immernoch vier, dafür aber deutlich dezentere Endrohre an der Abgasanlage.


Man merkt also, dass sich die Ingenieure aus Affalterbach ein Stück weit aus dem Leistungswettrüsten der vergangenen Zeit herausgehalten haben. Der Motor hat keine Zwangsbeatmung bekommen um die Leistung des Audi RS6 in den Schatten zu stellen und auch kein Formel1-KERS-Hybrid um kurzfristig beim Überholen der Gewinner zu sein, nein, der 6208cm³-V8 darf sich ganz ohne Druck von seiner besten Seite präsentieren.


Schon beim Anlassen wird klar, dass es im E63 AMG eine Vielzahl „bester Seiten“ zu geben scheint. Nachdem man den klassischen Zündschlüssel gedreht hat, bellt der V8 ins Leben, kurz, böse und direkt untypisch hell für einen derart voluminösen 90°-Motor. Nach dem Startmoment verfällt er aber in das gemütliche Leerlauf-Grummeln, das man von solch einer Maschine erwartet. Dabei freut das Fahrerohr, dass AMG auf eine übermäßige Nachbehandlung des Verbrennungsgeräusches verzichtete. Im 63er gibt es keine Klappensteuerung um die Akustik zu verbessern, keine Drehzahlbereiche, in denen der Maschine akustisch unter die Arme gegriffen wird, hier ist alles echt.


Dass das gut ist wird schon auf den ersten 200m klar. Der Mercedes geht nicht nur spontan nach vorne, sondern auch mit einem derartig gelassenen Nachdruck, den keine VTG-Verstellung dieser Welt erreichen kann. Dabei ist der Motor nicht alleine der Grund für diese niedertourige Agilität, ein gutes Stück greift ihm dabei auch die neue Automatik unter die Arme. Das AMG Speedshift MCT 7-Gang-Sportgetriebe verzichtet auf den herkömmlichen Drehmomentwandler und nutzt ein Paket aus kompakten, nassen Anfahrkupplungen. Daraus resultiert nicht nur eine geringere Massenträgtheit beim Anfahren, sondern vor allem eine direkte Anbindung an den Triebstrang während des Fahrbetriebs. So sorgt das Speedshift-Getriebe für eine Spontanität, die jeden Wunsch nach einem manuellen Getriebe vergessen lässt.


Wer die Gangstufen dennoch manuell einlegen möchte, weil eine Bevormundung durch die Maschine nicht mit der Befriedigung des eigenen Fahrkönnen-Egos zusammenpasst, der wird den Wählschalter der AMG Drive Unit dankbar annehmen. In Stellung M ist allein der Fahrer verantwortlich für die Drehzahlbereiche in denen sich der 6.2er-V8 bewegen darf. Kein Hochschalten am Begrenzer, kein Zurückschalten beim harten Beschleunigen, nur Du, die Gaspedalstellung und die Maschine. Gut, ganz ohne diskrete Eingriffe der Steueralgorithmen geht es auch im selbstbestimmten Modus nicht, aber das dient rein der Performance. Um dem mächtigen Drehmoment des 525PS-Triebwerkes beim Schalten Herr zu werden und sowohl Zahnräder, als auch Nackenmuskulatur beim Wechsel der Fahrstufe nicht über Gebühr zu strapazieren, nimmt der AMG auf bis zu sechs Zylindern einen fuelcut vor und lässt die Zündung für den Moment des Gangwechsels aus. Das führt nicht nur zu einer Schaltzeit von 100ms, sondern auch zu einer Geräuschkulisse, die nicht nur einmalig für Gänsehaut sorgt.


Unter Volllast schießt der E63 nicht nur beim Schalten aus allen vier Rohren, sondern die gesamte Drehzahlskala über. Sind es unter 2000 Umdrehungen noch die klassischen good-vibrations, schraubt er sich über 4500 Touren in den harten Stock-Car-Schlag hinauf, um bei über 7000 Umdrehungen, nachdem die Umwelt akustisch völlig in Schutt und Asche gelegt wurde, in den Begrenzer zu rennen. Natürlich nicht ohne beim Schaltvorgang ein kurzes Mündungsfeuer zu zünden. So fühlt es sich zumindest an.


Dabei spielt das adaptive Fahrwerk den kongenialen Partner. Im Sportmodus bleibt der mächtige Mercedes stabil, die Wank- und Rollbewegungen werden weitgehend eliminiert, doch das erkauft man sich mit einer hölzernen Steifigkeit, die im normalen Straßenverkehr nur kurzzeitig für Freude sorgt. Schon eher sorgt die Rückmeldung des 63ers für Glücksgefühle. Wann immer sich der AMG seinem Grenzbereich nähert, und dabei ist es egal ob unter- oder übersteuernd, er lässt es den Fahrer immer pünktlich wissen, sodass nicht nur genügend Zeit, sondern somit auch immer ausreichend Raum für Korrekturen zur Verfügung steht.


Sicher, an einen BMW M5 kommt der E63 in Sachen Fahrdynamik nicht ganz heran, doch das liegt nicht direkt am Chassis. Es ist eher die Lenkung, die im AMG die Präzision des M5 vermissen lässt. Die letzte Prise Feinnervigkeit hat man ihm in Affalterbach nicht mit auf den Weg gegeben, um der Konkurrenz die Rekorde streitig zu machen.


Eine vernünftige Entscheidung, denn in erster Linie ist der E63 AMG eine Hochleistungslimousine. Und in 90% der Einsatzbedingungen ist er mehr Limousine als Hochleistung. Wo die Konkurrenz spröde abrollt, harsch die Gänge wechselt oder vor lauter Ladedruck nicht harmonisch durch den Stadtverkehr rollen kann, bleibt der AMG einfach eine luftgefederte E-Klasse. Eine zwar, die an der Ampel mit ihrem tieffrequenten Wummern akustisch immer den Bizeps angespannt lässt, doch den Fahrer nie zu etwas zwingt.


Sobald die Drive Unit in C-Stellung steht, was übrigens für Controlled Efficiency und nicht für Comfort steht, und die Dämpferhärte ebenfalls entschärft wurde, zeigt sich die wahre Größe des AMG. Setzt man außerdem mit radargestütztem Abstandstempomat Distronic plus, Pre-Safe-Autobremsfunktion, Spurhalte- und Totwinkelassistenten, sowie einem Fahrer-Aufmerksamkeitsassistenten die richtigen Kreuze in der Aufpreisliste, fährt der große Mercedes im Stuttgarter Berufsverkehr fast von alleine. Man muss sich um nichts kümmern, lässt sich von den adaptiven Multikontursitzen massieren und lauscht Ludovicio Einaudi bei seinem Klavierkonzert, dass das COMAND-System in tadellosem Raumklang wiedergibt.


Der E63 ist in seinem Gemütsspektrum deshalb gut mit einem Nilpferd vergleichbar. Die meiste Zeit brummelt es ruhig, gelassen und liebenswürdig vor sich hin, um sich nach zwei, drei Schlägen mit dem Stock in ein unglaublich kraftvolles, wahnsinnig lautes und überaus gefährliches Monster zu verwandeln. Denn bei Bedarf wird auch der AMG, sobald der Verkehr ausdünnt und der Verkehrsschildassistent unbeschränkte Fahrt anzeigt, vom komfortablen Tourer zum harten Dragster, der im Notfall auch einen übermütigen Porsche 911 GT3 niederringt. Der große Benz ist genau deshalb die beste Hochleistungslimousine unserer Zeit. Er ist Dir immer der perfekte Partner, macht genau das was Du willst und kann zur richtigen Zeit den richtigen Ton anschlagen.

Ob das der neue Biturbo auch kann? Wir wissen es nicht und deshalb war der letzte Blick zurück bei der Rückgabe in der Tiefgarage auch ein besonders schwerer.

Technische Daten:

Modell: Mercedes-Benz E63 AMG
Motor: 8 Zylinder Benziner, 6208cm³
Leistung: 386kW/525PS
Drehmoment:630Nm
Antrieb: Heck, 7-Gang automatisch,
Verbrauch: 14.7l/100Km Super+
0-100km/h: 4.5sec
Vmax: 250km/h abgeregelt
Preis: ab 105.791 EUR

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