Der Nasenbär – Pagani Huayra

Erinnern Sie sich noch an den Pagani Zonda? Dieses Relikt aus einer vergangenen Zeit, diese Hommage an die legendären Gruppe-C Rennwagen? Der Zonda war ein atemberaubendes Automobil. Atemberaubend schnell, atemberaubend technokratisch, atemberaubend schön.


Nun betritt sein Nachfolger die Bühne und das Staunen ist groß. Da ist zuerst dieser Name, Huayra. Der Name geht auf die Sage des Aymara Huayra Tata, den Gott des Windes zurück, doch für uns klingt die Bezeichnung des neuen Supersportlers eher nach Pagani Hurra. Doch der berühmte Wind hat nicht nur den Namen zu verantworten, auch die Form geht auf ihn zurück. Denn so schwelgt Pagani beinahe prosaisch in der Pressemitteilung von einer Erosion, die eine nahezu organische Form geschaffen hat. Elegant, kraftvoll und eine Kombination aus Vergangenem und Zukünftigem. Wir sehen eher ein etwas merkwürdiges Maul, dem man ein paar LED-Lichter implantiert hat, sowie eine etwas weichgelutschte Form des Zondas, dem man seiner Flügel beraubt hat.


Aber es sind bekanntlich die inneren Werte die zählen und so haben wir doch noch ein wenig Hoffnung für den italienischen Hurra-Renner. Wie gewohnt ruhen die Insassen in einem Monocoque aus sündhaft schön verarbeiteter Kohlefaser, der Rahmen zur Aufnahme des Aggregates besteht aus hochfestem Chrom-Molybdän-Stahl. Doch Pagani wäre nicht Pagani, wenn es nicht ausgefallene Detaillösungen gäbe und so hat man die Kühlwasserleitungen, wie auch die Peripherie der Klimaanlage in die Struktur des Monocoques integriert. Das spart Bauraum und Gewicht, weshalb der Huayra vollgetankt mit einem Spitzenwert von nur 1350kg auftrumpfen kann.


Der Antrieb hat somit leichtes Spiel. Zwar ist die Zeit des sensationellen 7.3 Liter AMG-V12-Saugers nun endgültig abgelaufen, das neu implantierte M158-Aggregat aus Affalterbach sollte aber für Kompensation sorgen. Der 6-Liter V12 Biturbo, bekannt aus den 65er AMG-Versionen, leistet im Hurra Pagani ordentliche 700PS bei abgeregelten 1000Nm Drehmoment. Mindestens versteht sich, denn die Italiener geben bei Werte mit „größer als“ als. Ausgestattet mit wirkungsgradstarken wassergekühlten Ladeluftkühlern, bedarfsgerecht operierender Trockensumpfschmierung zur Reibleistungsminimierung und direkt angeflanschten Wärmetauschern zur Kleinhaltung der Leitungswege zeugen von der Raffinesse und der Ernsthaftigkeit der Entwickler. Dass das Aggregat dabei EU5-Abgasarm ist und die kalifornischen LEV2-Limits erfüllt freut die Umwelt, mit 85 Litern Tankinhalt sollte der Huayra auch bei schneller Fahrt einige hundert Kilometer zwischen den Tankstops zurücklegen können.


Damit der Pagani seiner Leistung auch Stimme verleihen kann, vertrauen die Italiener wie schön beim Pagani Zonda auf die Metallbaukünste der deutschen MHG Fahrzeugtechnik. Die Spezialisten aus Heubach haben wie schon beim Vorgänger eine Skulptur aus Titan und Inconel geschaffen. Kunstvoll winden sich die Krümmerrohre um das Chassis, die besonders heißen Zonen sind aus dem widerstandsfähigen Raumfahrt-Material Inconel gefertigt, die Teile des Dämpfers und Endrohre sind aus leichtem Titan. Das Gesamtgewicht der Auspuffanlage beträgt nicht einmal zehn Kilogramm.


Serviert wird die Kraft über ein sequentielles Xtrax Renngetriebe, das die beiden ölgekühlten Kupplungen automatisch betätigt. Trotz der Motorsport-Abstammung soll das Getriebe im Stadtverkehr und in Stop-Go-Situationen für ordentlichen Fahrkomfort sorgen und lästige Schaltverzögerungen vermeiden können. Damit das Erlebnis nicht durch übertrieben Härte des Fahrwerkes getrübt wird, vertraut Pagani auf das Können des schwedischen Spezialisten Öhlins. Das Fahrwerksgold wird über eine ausgeklügelte Push-rod-Kinematik angelenkt, deren Streben aus geschmiedetem Avional, einer speziellen Aluminium-Legierung, gefertigt sind. Wie stark beansprucht das Fahrwerk im Hurra ist zeigt die Installation von Kühlungsöffnungen, die kalten Fahrtwind direkt zu den Ausgleichsbehältern der Dämpfer leiten. Für optimale Haftung sorgen extra entwickelte Pirelli P Zeros, die nicht nur 1.5g Querbeschleunigung aufbauen können, sondern auch noch rollwiderstandsoptimiert sind und eine maximale Geschwindigkeit von 370km/h zulassen.


Um bei derartigen Tempi kühlen Kopf zu bewahren bettet Pagani die Insassen wieder in einen Traum von Innenraum. Leder, Karbon und poliertes Aluminium soweit das Auge reicht. Wie schon im Vorgänger Zonda ist alles perfekt verarbeitet und liebevoll arrangiert. Doch neben einer gewissen Weichzeichnung der Elemente im Vergleich zum Alten, hat im Huayra auch die Moderne Einzug gehalten: ein zentrales Multifunktionsdisplay zeigt die Vitalfunktionen des Motors und je nach Betriebsart verschiedene weitere Parameter an und in der Mittelkonsole findet sich ein HD-Touchscreen, mit dem die Insassen Navigation, Entertainment und das Telefon steuern können.


Der Pagani Huayra ist aus technischer Hinsicht wieder ein absolute fantastisches Automobil. Superbe Verarbeitung, kompromisslose Liebe zum Detail und der Wille zur Perfektion zeichnen ihn genau wie seinen Vorgänger Zonda aus. Dass das Design dennoch nicht auf Anhieb unseren Nerv trifft müssen wir akzeptieren. Vielleicht erodiert der Wind unsere Meinung dazu ja auch…

Text: Fabian Mechtel
Bilder: Werk

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