Seherlebnisschalter – der neue BMW 3er

Man wird das Gefühl nicht los, dass seit Chris Bangle den Zeichentisch bei BMW geräumt hat, der gestalterischen Linie der Münchner weit weniger Missgunst der Journaille zu Teil wird. Wir fragen uns, ob das wirklich gerechtfertigt ist.


Sicher, Namen wie Wolfgang Hofmeister, Paul Bracq oder gar Claus Luthe stehen außer Frage, haben sie mit ihren Entwürfen den Ruf der sportlichen, eleganten und dabei doch immer ein Stück bayrisch-konservativen Marke aufgebaut. Mit Bangle wurde es dann progressiv und wahrscheinlich war es genau das, was ihm zum Verhängnis wurde. So emotional, visionär und athletisch sich die Marke auch darstellte, die Kundschaft war ihr an dieser Stelle ein gutes Stück hinterher.

Doch rückblickend betrachtet hat Bangle der Marke einen guten Dienst erwiesen. In Zeiten, in denen immer mehr Kooperationen eingegangen werden mussten, Baukästen geteilt wurden und man auf der Suche nach möglichst großen Skaleneffekten war, blieb ein BMW immer ein Gesicht in der Menge. Zwar nicht immer einem, mit den Maßstäben des gemeinen Geschmacks gemessen, unbedingt Schönen, aber immerhin einem Interessanten und vor allen Dingen nicht Langweiligem. Diese Eigenschaft zusammen mit den besten Motoren des Konkurrenzumfeldes verhalfen BMW in den vergangenen Jahren zu einer glänzenden Karriere. Die Zahlen wurden immer sensationeller, der eigene Anspruch immer höher.

Genau deshalb, so scheint es zumindest, springen die schreibenden Kollegen nun in der van Hooydonk-Ära auch auf den jetzt-wird-alles-noch-besser-PR-Zug auf. Wir waren bei der Abfahrt des Zuges wohl noch am Kiosk und haben im Youngtimerheft den E30 M3-Test gelesen…

Alles begann mit dem aktuellen 7er der Baureihe F01. Klar, weniger Kontroversen als der E65 produzierte er, aber drehen Sie sich nach ihm um? Dann kam der 5er GT F07. Alle haben sie gelacht über den Dackweiler und dabei völlig übersehen, dass gerade hier die Außenansicht wenigstens eine gewisse Schlüssigkeit besitzt. Beim 5er F10 waren sich dann aber alle einig: hübsch ist er! Ja, das schon, aber um wieviel „schöner“ als der Alte ist er? Und innen? Könnte es auch einer 7er sein, oder ein neuer 6er, oder eben ein neuer 3er.

Denn um ihn soll es hier heute gehen, das neue Volumenmodell aus München.


Stolz sei man auf ihn, so heißt es aus München. Gehen wir auf die Suche.

Die Zeiten in denen man die Chromschachtleisten mit der Option Shadow-Line für mehr Sportlichkeit verbannen konnte sind nun auch beim 3er vorbei. Sport, Modern und Luxury heißen die Lines nun, die sich mit ihren eigenständigen Charakteren dem des Käufers anpassen (sollen). Wir blenden Sport und Modern ab hier dezent aus und halten uns an das blaue Luxury-Modell der ersten Pressefotos.


Hier ist die Welt wieder in Ordnung. Ein BMW von klassischer Eleganz, sportlich-schlank und doch im richtigen Maße zurückhaltend. Zwar stolpert man über ein paar Dinge wie den Scheinwerferauslauf in der Niere – hier scheint man den Bogen zum Box-Design des i3 spannen zu wollen – oder dem etwas überstylten Lufteinlass in der Frontschürze. In der Summe ist der neue 3er optisch aber doch erfreulich. Zumindest von außen, denn innen sieht die Sache ein wenig anders aus.


Man wird das Gefühl nicht los, dass man den Armaturenträger mit einer scharfen Axt ähnlich hätte designen können. Der wilde Mix aus Farben, Materialien, Zierleisten und Infotainment wirkt etwas – gelinde gesagt – unruhig. Technisch gibt es aber nichts auszusetzen am Interieur des 3ers. Vom vollfarbigen Head Up Display, über einen Einparkassistenten, die aktive Geschwindigkeitsregelung mit Stop & Go-Funktion, Spurwechsel- und Spurverlassenswarnung mit Auffahrwarner sowie die Assistenzsysteme Surround View, Side View und Top View gibt es alles was gut und teuer ist. Eine Achtgangautomatik ebenfalls, doch kostet diese im Gegensatz zum Fahrerlebnisschalter auch Aufpreis.


Musste man bei einem BMW das Fahrerlebnis früher nicht elektronisch modulieren, scheint es heutzutage anders zu sein. Vielleicht liegt das auch an den Motoren, denn die neue downsizing-Generation bietet ein großes Spielfeld für elektronische Adaptierungen. So wird es nämlich voraussichtlich keinen einzigen freisaugenden Motor im neuen 3er mehr geben. In den Verkauf startet BMW mit dem 328i, der den 245PS starken 2-Liter-Vierzylinder in sich trägt, sowie dem 335i, der den bekannten 306PS TwinScroll-Turbomotor nutzt. Auf der selbstzündenden Seite gibt es den 320d mit 184PS, sowie die EfficientDynamics-Edition mit 163PS. Die Verbräuche liegen bei 4.1 Litern, bzw. 4.5 Litern Diesel, sowie 6.4 Liter, bzw. 7.9 Liter Super auf 100 Kilometer.


Darüber wird es einen ActiveHybrid3 mit 340PS (335i + E-Maschine) geben, darunter 320i (184PS, 2-Liter-R4-Turbo), 318d (143PS, 2-Liter-Diesel) und 316d (116PS, 2-Liter-Diesel). Die Preise starten bei 35.350 EUR für die beiden Diesel, der 328i kommt auf 37.400 EUR und den 335i lassen sich die Münchner mit 43.600 EUR bezahlen.

Derart gerüstet – und weil man so stolz auf ihn ist – wird der neue 3er seine Kunden finden. Die Frage ist nur, was wird aus BMW? In den alten Zeiten, in denen zickiges Eigenlenkverhalten genauso wenig geahndet wurde wie ein erhöhter Verbrauch, in denen Laufruhe und Feinnervigkeit eines Triebwerks wertvoller waren als fette, undosierbare Drehmomentwogen, brauchte man keine Sport-, Modern-, Luxury- oder Urban-Linien. Man hatte den Hofmeister-Knick, einen freisaugenden Reihensechser und die verchromte Doppelniere.

Heute ist das alles ein wenig anders. Nun hat man nicht nur das polarisierende Design, sondern auch den einzigartigsten Motor verloren. Wir sind geneigt das M im Firmennamen zu ersetzen, für M wie Mainstream.

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