Klein ist fein – Genfer Auto Salon 2012

Die Schweiz, das neutrale Land. Ein selbst auferlegter Grundsatz der sich sogar auf dem internationalen Auto Salon widerspiegelt. Automobilhersteller bauen plötzlich ohne Berührungsängste dicht an dicht ihre Messestände auf und verzichten sogar auf markige Worte gegenüber den Mitbewerbern. Ja, Genf ist nicht die größte Messe, doch die Tatsache, dass keine Marke das Alpha-Tierchen mimen muss, verleiht den Hallen am Lac Leman seinen ganz speziellen Charme, also auf geht es zur Premierenshow der Serienfahrzeuge:



Der Elch ist tot, hoch lebe das A. Gemeint ist die dritte Generation der Mercedes-Benz A-Klasse. Statt auf nordische Hirsche soll dieser Benz nämlich jetzt endlich Jagd auf die schon so lange anvisierte junge Zielgruppe machen. Die Vorraussetzungen scheinen vielversprechend: Ein etwas zu ausgeprägter vorderer Überhang, wilde Lichtkanten auf den Seitenflächen und ein Hintern, der irgendwie an den Citroen DS3 erinnert.


Genau das Gegenteil, was die Formensprache betrifft, stellt einer der zukünftig größten Konkurrenten der A-Klasse dar. Auch ein A, aber gefolgt von einer 3. Die dritte Generation des Audi A3 trumpft mit gediegener Langeweile und bekannter Technik aus dem VW Baukasten auf. Weltweiter Erfolg garantiert.


Fehlt noch der dritte in der Premiumrunde: Der BMW 1er. Der ist zwar schon ein paar Monate auf dem Markt, kommt aber nach Genf zum ersten Mal als Dreitürer. Das ist leider nicht sonderlich spannend, so wie überhaupt der ganze F20. Das scheint auch BMW zu wissen, daher schmücken die Münchner den Wagen mit einem albernen M-Dekor, pflanzen ihm einen dicken Sechszylinder unter die lange Motorhaube und nennen das Ganze M135i, schon gefällt das Paket, denn Leistung macht eben auch weiterhin sexy.


Das wissen auch die Franzosen und präsentieren den zweiten Ableger der Racing-Linie. Der Citroen DS4 Racing wurde von der WRC-Fahrwerksspezialisten aufgebaut, bekam eine etwas maskulinere Optik und einen echten Kracher unter der Haube. 1.6-Liter hören sich nach wenig an, 256PS dann aber schon nicht mehr. Das aus DS3R und MINI JCW bekannte Triebwerk darf auf seine alten Tage noch einmal 45PS an Leistung zulegen und damit sollte der DS4R in der Liga der großen hot hatches Golf GTI und Co das Fürchten lehren.


Doch in der Kompaktklasse muss es nicht nur immer teuer und leistungsstark sein. Das beweist Chevrolet mit dem Cruze Station Wagon. Basierend auf guter deutsche Opel Astra Technik kommt der Cruze in seiner dritten Variante als 4,68 Meter langer Kombi zum Kampfpreis von 16.500 Euro aus Südkorea nach Europa und tut damit besonders der Schwester aus Rüsselsheim weh. Warum das so sein muss, weiß nur Mutter GM in Detroit


Doch es geht noch geräumiger und noch günstiger. Das beweist – wie so oft – die rumänische Tochter von Renault: Dacia. Neuestes Modell aus der Status-Symptom Reihe ist der Lodgy. Das klingt zwar stark nach der polnischen Stadt Lodz, soll aber von dem englischen Wort Lodge abgeleitet worden sein. Der Begriff soll angeblich die Geräumigkeit für Passagiere und Gepäck im ersten Familienvans der Marke zum Ausdruck bringen, der für rund 15.000 starten wird.


Für ähnlich viel Geld soll auch der Fiat 500L erhältlich sein. L steht dabei für Large, denn groß ist dieser Cinquecento tatsächlich. Nicht einmal die Plattform teilt sich der Fünftürer mit dem 500er ohne L. Leider hat das Größenwachstum der Idee des Retrokleinwagens völlig den Charme geraubt und auch das gestalterische Geschick schien den Turinern bei diesem Modell etwas abhanden gekommen zu sein. Ob Fiat mit dem 500L ein ähnlicher Erfolgstreffer gelingt, wie mit dem Dreitürer, darf daher bezweifelt werden.


Bei Ferrari ist man sich seiner Sache da schon sicherer. Warum auch nicht? 740PS bedürfen keiner weiteren Erklärung. Schon gar nicht, wenn sie in einer solch technokratisch-aggressiven Hülle dargereicht werden. Der neue F12berlinetta hat zwar eine moderne Typen-Typografie, im Kern ist er aber noch schön klassisch. Heckantrieb, Transaxle-Layout und vorne ein mächtiger 6.3-Liter-V12. Kein Allrad, kein Turbolader. bella macchina.


Wobei Derivate auf Kleinwagenbasis doch derzeit voll im Trend liegen, wie der Ford Fiesta Van mit Namen B-Max beweist. Doch nicht das gnadenlos durchgezogene Kinetic-Design oder die hinteren Schiebetüren machen diesen Ford so interessant, sondern die fehlenden B-Säulen. Ein ungeahntes Einsteigeerlebnis deutet sich hier an. Da kann sich der Opel Meriva nur verdutzt mit seinen Selbstmördertüren Frischluft zufächern und mit einem starken Mokka kontern. Gemeint ist hier keine pulsanregende Kaffeezubereitung, sondern ein brandneuer SUV auf Corsa Basis.


Solchen Wachstumsnischen haben Hyundai und Kia aktuell noch nichts schlagkräftiges entgegenzusetzen, doch man muss die beiden Marken zwischenzeitlich verdammt ernst nehmen. Der Beweis: Dem frisch präsentierten i30 stellen die Koreaner in Genf die elegante und „cw“ genannte Kombivariante zur Seite und die mit noch frecherem Design gesegnete Schwester Kia darf mit dem neuen Kia Cee’d glänzen.


Wer hätte das gedacht, dass wir uns mal nach einem Koreaner umdrehen? Wegen seines guten Designs wohlgemerkt!


Eher zum wegschauen ist da in der Zwischenzeit leider eine ganz andere Marke: Lancia. Zum Glück müssen die Firmengründer Vincenzo Lancia und Claudio Fogolin nicht mehr miterleben, was Fiat aus der einst stolzen Marke gemacht hat. Ein Haufen von amerikanischen Badge Engeneering Produkten. Dass ein Chrysler 200 Convertible mit einem Lancia Emblem den wunderschönen Namen Flavia tragen darf, müsste verboten werden.


Wenn einem schon nichts Neues für Genf einfällt, dann doch lieber in der eigenen Historie wühlen und es richtig umsetzen. So dachte man wohl auch bei MINI und erinnerte sich an den Mini Van von 1960. Kurzerhand dem aktuellen Clubman die hinteren Scheiben und Sitzplätze entfernt und ein Trenngitter verbaut, fertig ist der Clubvan. Nicht besonders geräumig und nicht besonders pfiffig, aber wenigstens mit Charme und wohl bald für das örtliche Catering Unternehmen als Vorzeigelieferwagen erhältlich.


Wenn wir gerade bei mehr oder weniger geräumigen Engländern sind: Jaguar liefert mit dem XF Sportbrake einen echten Hingucker ab. Scheinbar weiß man in Coventry das Geld des wohlhabenden Eigentümers Tata aus der ehemaligen Kolonie Indien erfolgreich in die Modellentwicklung zu investieren. Denn nach der Pleite mit dem X-Type Estate wirkt der zweite Versuch an einem Mittelklasse Kombi wie aus einem Guss. Und ein Ford Mondeo steckt auch nicht darunter.


Wer bis hierhin die Japaner vermisst hat, bitte: In Genf stellt Mitsubishi die zweite Generation des Outlander vor und Honda die zweite Generation CR-V. Bei beiden Fahrzeugen handelt es sich um SUVs. Bei beiden Fahrzeugen erstarrt einem vor Langeweile das schweizer Käsefondue im Mund. Warum nur schaffen es die Autobauer aus dem Land der aufgehenden Sonne immer wieder, auf spannende Studien einfallslose Serienprodukte folgen zu lassen?


Da bietet dieses Jahr speziell Peugeot deutlich mehr. Vorbei die Zeit der Nasenbären. Vorbei die Zeit der Kühlergrillschlünde. Endlich stimmen wieder die Proportionen und nach dem bereits sehr ansprechenden 508 kommt jetzt der 208 nach Genf. Mit knackiger Optik, geringem Gewicht und winzigem Lenkrad bringen die Franzosen frischen Wind in das Kleinwagen Segment. Einen heißen 208 GTI inklusive.


Heiß ist auch der Wind der aus den riesigen Luftschächten des neuen Porsche Boxster nach forschem Ritt geblasen wird. Bis es dazu jedoch kommt, muss Porsches Kleinster erstmal die Messe vom 8. bis 18. März überstehen. Doch die Chancen stehen gut, dass die dritte Generation des Roadsters sein Weichei-Image endgültig ablegt und als echter Zuffenhausener von den Fans akzeptiert wird.


Der Mutterkonzern bietet dagegen nur Hausmannskost: Der VW Wunderwaffe up! wird – wie seine eineigen Zwillinge Seat Mii und Skoda Citigo – in der fünftürigen Version vorgestellt und das Golf Cabrio wird mit dem GTI Label und 210 PS versehen. Wie inkonsequent! Früher hieß das stärkste Golf Cabrio wenigstens noch GLI und warum? Auch mit dem stärksten Motor der Baureihe wurde aus dem Erdebeerkörbchen kein echter GTI. Die waren Ende der Siebziger gar nicht so dumm in Wolfsburg.

Insgesamt werden 700.000 Besucher in den zwei Genfer Messewochen erwartet. Wir wünschen das entsprechende Durchhaltevermögen und präsentieren nach den Serienmodellen demnächst die Highlights der Studien. Falls sie nicht länger warten können: unsere werten Kollegen vom Schweizer radical-mag sind nicht nur geographisch näher dran, sondern auch was die Aktualität der Texte angeht. Viel Spaß!

Text: Axel Griesinger
Bilder: Hersteller

1 Kommentar
  1. interessante Zusammenfassung.
    Aber ist das wirklich die zweite Generation Outlander? Die ist doch schon eine Weile draußen, hat mir auch besser gefallen wie die erste. Das Facelift von der zweiten Generation sagt mir schon nicht mehr so zu, aber die jetzt schießt ja echt den Vogel ab.
    Ich finde auch die Existenz von Daewoo aka. Korea-Chevrolet berechtigt. Unser „Chevy“ ist mir deutlich lieber als ein biederer Opel.

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