Naja – North American International Auto Show 2013

Traditionell beginnt das Autojahr mit der Messe in Detroit. Früher waren die Amerikaner stolz auf ihre Motor City, haben selbstbewusst ihre Neuheiten präsentiert und sich immer ein wenig selbst gefeiert.
asphaltfrage.de NAIAS 2013

Heute ist das ein wenig anders. Der Glanz der alten Tage ist kaum mehr sichtbar, ein wenig Tristesse weht durch die Straßen der Millionen-Metropole und doch haben sie sich dort nie aufgegeben. Nach der Krise haben sie Strategien geändert, Entwicklungen angeschoben und auf das veränderte Kaufinteresse der Kunden reagiert. Der Lohn der Mühe sind gute Geschäftsergebnisse allerorten, aber auch etwas mehr Ernsthaftigkeit.

So fehlen vor allem die hired guns, die die Blicke der vorbeikommenden Messebesucher erst auf sich, dann auf die Modelle am Stand ziehen sollen. Man traut dem eigenen Produkt mehr Attraktivität zu und setzt weniger auf die weiblichen Reize. Nur Eines hat sich nicht geändert: heftige PS-Zahlen gibt es weiterhin. Schuld daran sind vor allem die Deutschen.

Audi-RS7_Sportback_2014_1024x768_wallpaper_07Etwa der Audi RS7. 560PS, 700Nm, 3.9 sec, 250km/h, 280km/h oder 305km/h – je nachdem wieviel der Kunde extra zahlen möchte. Und das nicht nur bei der Spitzengeschwindigkeit. Felgen bis hin zu 21 Zoll, Keramikbremsanlage, Bang&Olufsen-Soundsystem, weitere teure Multimedia-Optionen und Fahrerassistenzsysteme für jegliche erdenkliche Situation. Nur Fahren muss man noch selbst. Und das wird gut sein, also das Fahren. Denn dank Kronenrad-quattro und Sportdifferenzial gehen die neuen Sport-Ingolstädter wirklich gut. Nicht wie ein 911 oder gar ein Ferrari, aber eben schon weit besser als früher.

BMW-M6_Gran_Coupe_2014_1024x768_wallpaper_02Die BMWs aus München gingen eigentlich schon immer gut. Und der M6 steht auch schon lange in der Preisliste, länger sogar als der M3. Und was für ein unfassbar gutes Auto war das damals. Böse Blechnase, geschraubte BBS-Felgen, leicht außer mittiges Doppelrohr und dann der fantastische Reihensechszylinder mit dem Rosche-Kopf. Kraft, Elastizität, Drehfreude und Geräusch – das alles konnte Dich zum Wahnsinn treiben. Im höchst positiven Sinne natürlich. Eine Karosserie von Leichtigkeit und Eleganz, mit großen Fenstern, viel Chrom und fröhlichen Farben, ja, der M6 war einfach ein gutes Auto. Das, was da in Detroit vor uns steht ist vor allem eines: fett. Man sieht es ihm zwar nicht an, aber wenn das dann mit zwei Personen, etwas Kraftstoff und dem leichten Gepäck für ein Wochenende an der Côte d’Azur erschreckende 2.4 Tonnen auf die Räder bringt, dann wagen wir kaum mehr von einem Sportwagen zu sprechen.

Natürlich, vorwärts geht der Viertürer mächtig. Dem Biturbo-V8 scheint völlig egal ob da eine Tonne, zwei oder gleich ein ganzes Gespann am Triebstrang hängt, die 680Nm reißen einfach alles gen Horizont. Nur beim Abbiegen ist es halt schnell vorbei mit der Herrlichkeit. Vor allem aber bei Nässe. Da verglüht dann weniger das Reifenprofil, als vielmehr das DSC-Lämpchen. Und das ist auch der Grund, warum der geneigte M5/6-Fahrer bei Regen den Trauerflor um den Spiegel bindet.

Mercedes-Benz-E63_AMG_2014_1024x768_wallpaper_09Denn der zweite Erzfeind ist nun auch mit der Kraft aller Viere unterwegs. So gibt sich der E 63 AMG S 4Matic zwar in der Typenbezeichnung ein wenig sperrig, nicht aber, wenn es um Beschleunigung auf weniger griffigem Untergrund geht. Die Heckbetonung des Allrads ist typisch für Mercedes, auch der Drehmomentüberfluss. 800Nm stehen bei Bedarf bereit um von der Siebengang-Automatik ohne Umweg über einen Wandler auf die Räder losgelassen zu werden. Am Ende der Drehzahlleiter warten dann gar 585PS auf den Marschbefehl, was den AMG zum Stärksten unter den deutschen Oberklasse-Muskelprotzen macht.

Chevrolet-Corvette_C7_Stingray_2014_1024x768_wallpaper_05Selbst die Corvette kann da nicht mithalten. Der neue Stingray – in einem Wort, nicht wie früher mal Sting Ray – bringt es auf nur 450PS. Selbst die 610Nm, die man dem nun zylinderabschaltenden 6.2-Liter-V8 entlockt wirken angesichts des Überflusses aus Deutschland wenig beachtlich. Optisch sind wir hin- und hergerissen. Zwar sieht die Corvette schon noch nach Corvette aus, man könnte aber auch einen Ferrari F12 erkennen. Selbst dessen Zahnspange hat die US-Ikone übernommen. Und dann wäre da noch die Sache mit den transverse-mounted composite springs an Vorder- und Hinterachse. Blattfedern! Auch in der C7. Und das ist gut so. Denn wo alle anderen ätzen, dass man so keinen Sportwagen bauen könne, sei eines gesagt: 1400kg. Die Corvette ist im realen Leben leichter als ein Porsche 911. Zum oben angesprochenen M6 sind es gar 600 Kilogramm.

600 Kilogramm – davon baute man bei Maserati vor einigen Jahren ganze Autos. Gut, mehr Vogelkäfige als Autos, dafür waren die Boliden aber schnell. So schnell, dass die Marke einen Ruf aufbauen konnte, von dem sie heute noch zehrt. Eleganz, Schnelligkeit und immer ein wenig verrucht. Was davon heute geblieben ist? Nun ja, schauen sie sich den Quattroporte doch einmal in Ruhe an…
Maserati-Quattroporte_2013_1024x768_wallpaper_06

Nichts ist übrig geblieben. Aufgedunsen ist er, kann die Augen kaum mehr aufmachen. Schade. Nichts übrig geblieben ist auch im Infiniti Q50, allerdings von der Lenkung. Also von der, die mittels Lenkradbewegung ein Gestänge dreht, dass die Drehbewegung dann in einem Lenkgetriebe in eine Längsbewegung übersetzt. Denn das geht nun „by-wire“. Was im Flugzeug schon lange so geht, ist ein Novum im Automobilbereich. Warum man das nun unbedingt als großen Fortschritt sieht, können wir nicht so recht verstehen. Oder fragen sie mal ein Kind, worauf es seine Rennspiele an der Konsole am liebsten spielt. Am Pad oder am Lenkrad? Die Antwort dürfte klar sein.

Infiniti-Q50_2014_1024x768_wallpaper_01Das Lenkrad ist eben einfach eine verdammt gute Erfindung gewesen. Natürlich kann das rein Aktuator-gesteuerte Lenken viele Vorteile bieten, was die Implementierung neuer Assistenzsysteme angeht. Seitenwind kann automatisch korrigiert werden, in die Spur zurücklenken und einparken – alles geht von alleine und ohne das sich das Lenkrad dreht, weil keine starre Verbindung mehr besteht. Wer das allerdings unbedingt in seinem Auto braucht, der sollte einfach über eine Bahncard nachdenken, vielleicht ist das mit dem Fahren einfach nicht so seins.

Volkswagen-CrossBlue_Concept_2013_1024x768_wallpaper_03Der VWCrossBlue wird es dann auch nicht richten. Ein Auto nach unserem Geschmack. Zwar bräuchten wir nicht unbedingt die volle Plug-In Hybrid-Technik, dennoch unterstützen wir die Forschung auf dem Gebiet effizienter und ressourcen-schonender Antriebstechnologien. Denn Technik muss sich fortentwickeln. Aber im richtigen Maß. Und das sehen wir in letzter Zeit ein wenig aus dem Auge verloren. Das Gros der Neuentwicklungen, die uns die Hersteller in aufwändigen Präsentationen und teuren Katalogen schmackhaft machen wollen, sind schlicht nicht wirklich nötig. Der große Geländewagen für den US-Markt ist da anders. Modernste Technik unter dem groben Blechkleid und sonst nicht viel. Platz, Komfort, fertig. Ein Auto zum Fahren. Das mögen wir!

Und, weil es einfach zu viele Neuigkeiten sind, die da in Detroit auf uns zugerollt sind, hier unsere Lesetipps für diejenigen, die sich ein wenig mehr für das Ganze interessieren:

Mangelware – radical über die Mädels
Mit ohne Lenkung – passion:driving über den Infiniti Q50
CLA-Klasse oder CL-A-Klasse – egal, geil!
Groß, grob, grau, falsch: blau! – Stratmann schreibt für Wolfsburg

Text: Fabian Mechtel
Bilder: Hersteller

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