iThunder #4 – Ferrari FF

Es ist mittlerweile der dritte Zwölfzylinder diese Woche und das Gehirn kommt kaum mehr nach die Eindrücke zu sortieren – doch die drei italienischen Meisterstücke könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Pagani Zonda, quasi ein einziger Material-Exzess aus Kohlefaser, Titan und mattgold eloxiertem Aluminium, garniert mit der Brutalität des schärfsten AMG-Motors aller Zeiten. Daneben der blutorangerote Lamborghini, ein Auto wie ein Hammer. Ein großer, schwerer Hammer. Grob, laut, wunderbar. Und nun der Ferrari FF, der Schwächste im Bunde, der Technoide, der Perfekte?

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Einen Ferrari mit V8 kaufst Du nur aus einem Grund. Weil es zum V12 nicht gereicht hat. Da kannst Du noch soviel rote Farbe, Scuderia-Embleme und Daytona-Nähte bestellen. Erst das volle Dutzend macht einen Ferrari zu einem echten Ferrari.

Doch was, wenn man Dir plötzlich von vier vollwertigen Sitzen, einem großen und variablen (!) Kofferraum erzählt und sogar vom Allradantrieb vorschwärmt? Ist Ferrari mit dem FF in der Welt der Langeweile angekommen? Der drögen Realität mit Kundenwünschen und Kindersitzen? Nicht ganz, aber doch ist vieles anders.

Wo früher die Legenden um Enzo den Mythos getragen haben und man dem, was da in Maranello aus den Werkshallen rollte, jeden noch so haarsträubenden Mangel nachgesehen hat, zeigt sich heute das humorlose Gesicht der Perfektion. Ein Ferrari lebt nicht mehr nur von seinem Geräusch und seiner in Aluminium geklopften Schönheit, ein Ferrari lebt heute auch – oder gerade – von makelloser Technik-Exekution.

Denn wenn die 660PS beim vollen Gasanlegen am Scheitelpunkt nicht sofort das Heck ausrücken lassen, dann staunst Du schon ein wenig. Kein dramatischer Drift, kein süßlich-blauer Reifenqualm, sondern einfach nur effizienter Abzug. Das feine Theater geht natürlich auf den Allradantrieb zurück, der den FF zum Ferrari Four macht. Dabei sprechen die Italiener selbst gar nicht von Allradantrieb, sondern von einem zusätzlichen Frontantrieb. Und eigentlich haben sie recht: wo sonst die Kraft von der Kurbelwelle auf ein Verteilergetriebe geht und von dort über Kardanwellen nach vorne und hinten geleitet wird, fehlen diese Bauteile im 4RM-System von Ferrari.

Natürlich, eine Kardanwelle ist vorhanden und zwar jene, die nach hinten ans Transaxle-Doppelkupplungsgetriebe geht. Vorne aber wird die Kraft auch direkt von der Kurbelwelle gezapft. Von der Power-Tranfer-Unit. Und diese Wunderbox hat es in sich, ist sie doch Kupplung, Getriebe und Differenzial in einem und dabei gerade einmal 17cm lang und gute 40kg schwer. Möglich ist das, weil die PTU nur zwei Gänge und kein Ausgleichsgetriebe hat. Die Drehzahlunterschiede zum Hinterachsgetriebe werden einfach durch programmiertes Durchrutschen der PTU-Kupplungspakete ausgeglichen.

Bei Tempi über 200km/h braucht es sowieso keinen Allradantrieb mehr und deshalb reicht das System völlig aus, sagen die Entwickler. Besonderer Reiz an der cleveren Kupplungslösung: man kann gleich auch noch die torque-vectoring-Funktion des E-Diffs der Hinterachse an der Vorderachse einsetzen. Und im Zusammenspiel mit der F1trac-Traktionskontrolle fährt sich der FF im Ergebnis einfach spektakulär. Dem Ferrari wohnt eine Handlichkeit, ja sogar eine Leichtigkeit inne, die Du bei fast 1900kg Lebendgewicht einfach nicht für möglich gehalten hättest.

Vor allem aber ist das Gefühl, das den FF so reizvoll macht. Trotz elektronisch geregeltem Differenzial an der Hinterachse, der genialen Kraftverteilung an der Front und einem erbarmungslos effizienten Doppelkupplungsgetriebes fühlt es sich echt an. Weit weg von Computerspiel-Synthetik und eben einfach Ferrari. Das Geräusch zum Beispiel – sündig. Nie vulgär oder unpassend und doch in einer Laszivität, wie sie nur ein Zwölfzylinder zu Stande bringt. Natürlich wird auch hier mittlerweile nachgeholfen, Ansaugröhrchen ins Armaturenbrett verlegt, pneumatische Klappen ins den Auspuff integriert, aber das liegt eher daran, das der FF einfach mehr können muss als nur schnell sein.

Wenn das Manettino am Lenkrad auf Comfort steht, beispielsweise. Das beruhigt das Geräusch, lockert die Dämpfer, zähmt den Motor und bereitet den Weg für die lange Reise. Denn dafür wurde er gebaut und dafür bekam er die Shooting Brake-Karosserie, die vier Erwachsenen Platz bietet, einen großen Kofferraum mit 450 Liter Fassungsvermögen und umklappbaren Lehnen. Selbst modernes Infotainment gibt es – mit Navi, Bluetooth, Soundsystem und Bildschirme für die Fondpassagiere. Und so rollst Du entspannt durch die Stadt, das Getriebe wechselt unmerklich die Gänge, die 6.3-Liter säuseln unter der Motorhaube und die Welt ist in Ordnung.

Weil Du auf Knopfdruck das Viech wieder von der Leine lassen kannst. Die Souveränität spüren, wenn die 683Nm in vollem Eifer nach vorne drängen und Du das ganze mit lockerer Hand dirigierst. Denn die Lenkung ist vielleicht das Beste am großen Ferrari. Sie geht leicht und bietet doch unvergleichlich viel Gefühl. Nie ist es anstrengend den FF in der Kurve zu positionieren, obwohl Du genau weißt, welche Massen hier gerade arbeiten – vor allem bei welchen Geschwindigkeiten. Natürlich ist der Ferrari kein Vergleich zu Lamborghini und Pagani, dafür fehlt ihm das Kompromisslose, aber die Erkenntnis, dass er auch nicht soviel langsamer ist als die beiden Hypersportler, ist vielleicht die überraschendste.

Denn es ist der Spagat, zu dem der FF fähig ist, die ihn so spannend macht. Er ist bei Bedarf nicht nur komfortabel, sondern auch praktisch. Im nächsten Augenblick kannst Du Dich mit ihm aber auch in den Rausch fahren. Und dass er Dich dabei nie vor unlösbare Aufgaben stellt ist womöglich seine beste Eigenschaft. Dabei ist er immer noch der unwiderstehliche italienische Macho, ein Auto nach dem sich jeder umdreht – aber keine zickige Diva mehr, sondern der ideale Partner wenn Du es richtig krachen lassen möchtest. Oder im Schnee in die Berge fahren. Mit den Skiern. Und den Kindern. Probier’ das mal mit einem V8-Ferrari!

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Alle Bilder zum FF gibt es natürlich auch wieder beim MOTOR-TALK.

Technische Daten:

Modell: Ferrari FF
Motor: 12 Zylinder Benzin, 6262cm³
Leistung: 485kW/660PS
Drehmoment:683Nm
Antrieb: Allrad, Siebengang-DKG
Verbrauch: 15.4l/100km Super+
0-100km/h:3.7sec
Vmax: 335km/h
Preis: ab 258.200 EUR

Bilder: fm/Camillo Pfeil

Weiterführende Links zum italienischen Vierer:

mein-auto-blog.de

exclusive-life.de

worldtravlr.net

Großer Dank an die Sponsoren: PirelliShellvodafone

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