Wenn man keine Ahnung hat – Auto Salon Genf 2014

Die Champagnerflaschen sind leer, die Mädels tragen flache Ballerinas und die teuren Schmuckstücke dürfen nur mehr durch die Scheibe betrachtet werden – Genf hat seinen Salon nun auch für das Publikum geöffnet.

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Dabei fragt man sich, wer hier eigentlich die Fachbesucher sind. Denn wenn man sich den Blätterwald und die Meldungen durchklickt, bleibt man staunend zurück.

„High-end-Stoßdämpfer mit regulierbarem Stoßabsorber von Shox“ gibt es dort plötzlich und „es ist das allererste Mal, dass ein straßenzugelassenes Auto seiner Klasse,  mit einem Getriebe angeboten wird, das mit Dog-Ringe mit Gangrädern und H-Schaltung sowie einem selbstsperrenden Differentialgetriebe aufwartet.“

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Das alles sind keine Tippfehler, sondern der kopierte O-Ton aus der Pressemitteilung, die Fiat zum neuesten Abarth-Wurf mitschickte. Soweit kein Drama, es kann in der Flut von Pressemitteilungen, Termindruck und Weltpremierenwettlauf mal passieren, dass man eine Meldung einfach vom Italienischen ins Englische und wieder zurück ins Deutsche übersetzen muss. Wenn dabei aber Vokabeln benutzt werden, die weder besonders geläufig sind, noch dazu technisch nicht einfach zu verstehen sind, dann kommt da wirklich Lustiges bei heraus.

Manche behaupten ein „dog-ring“-Getriebe zeichnet sich durch die gerade Verzahnung der Gangräder aus, andere übersetzen es erst gar nicht. Dann wird auch das selbstsperrende Differenzialgetriebe unkommentiert übernommen. Was ein regulierbarer Stoßabsorber sein soll bleibt ebenfalls im Dunklen.

Das alles ist irgendwie schade. Denn da stellt Abarth quasi einen echten Rennwagen mit Straßenzulassung auf die Beine und keiner bekommt es mit.

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Deshalb in aller Kürze: eine dog-ring-Box ist nichts weiter als ein Klauenschaltgetriebe. Statt einer herkömmlichen Synchonisierung, bei der die Synchronringe die Drehgeschwindingkeit von Schaltmuffe und Schaltrad angleichen um danach den Gang über die Hundezähne (was wiederum nicht mit dem dog aus dog ring gleichgesetzt werden kann) in den Kraftschluss schalten zu können, wird das Drehmoment über die Schaltklauen übertragen.

Sie sind deutlich stärker dimensioniert als die kleinen Zähne einer Synchronisierung und weisen ihrerseits einen deutlich größeren Abstand zueinander auf. Denn das ist der springende Punkt.: es muss nichts synchronisiert werden, weil die Geschwindigkeit von An- und Abtriebswelle „schlagartig“ angeglichen werden, sobald die Klauenmuffe mit dem Schaltrad in Eingriff kommt.

Das Problem an der Sache: es muss schnell gehen. Sehr schnell. Ansonsten kann es vorkommen, dass Klaue auf Klaue trifft, oder – wer gar zu zaghaft ist – die Klauen aneinander vorbeirattern. Beides ist nicht nur mit hässlichen Geräuschen, sondern auch groben Materialabrieb verbunden. Über kurz oder lang zerstört man sein Getriebe einfach.

Deshalb: Gänge reinballern, je schneller, desto besser und je härter, desto verschleißärmer. Meist haben diese motorsportlichen Getriebe deshalb auch gigantisch große Schalthebel und entsprechend knackige Hebelübersetzungen um schnelle Muffenbewegungen zu ermöglichen.

Für all das braucht es weder ein Ingenieursstudium, noch eine KFZ-Schlosserlehre. Man hätte nur ein wenig nachlesen müssen, zumal Abarth sogar den Getriebezulieferer nennt und sich auf dessen Website schöne Bilder des 500er Getriebes finden. Auch hätte man schnell festgestellt um welches selbstsperrende Differentialgetriebe es sich handelt, denn Bacci Romano baut nur Lamellensperrdifferentiale für die kleinen Fiats. (Wahlweise hätte man auch in der englischen Meldung „disc and clutch self-locking differential“ übersetzen können. Das hätte aber vorausgesetzt, dass man weiß, was das eigentlich ist…)

Qualität ist das Stichwort. Und Leidenschaft. Beides findet man heutzutage eher selten. Weil es einfacher ist mit Worten wie Relevanz, Reichweite, Mehrwert und Content um sich zu werfen. Weil Klickzahlen, Exklusivität und andere Dinge zählen. Dass die eigentliche Aufgabe guten Journalismus’ die Information ist, scheint keine Rolle mehr zu spielen. Recherche bedeutet schließlich Arbeit. Da trinkt man dann lieber Champagner und beschwert sich, dass der Business Class-Flug nicht direkt geht, sondern eine Umsteigeverbindung ist.

Zum Kotzen. Irgendwie.

Aber, es gibt sie noch. Die Orte, an denen man sich gut aufgehoben fühlt. An denen die Kollegen das Herz noch am rechten Fleck und die gleiche Leidenschaft für die Sache teilen wie man selbst. Deshalb mit großem Stolz die Verkündung: asphaltfrage wird Autorevue.

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2 Kommentare
  1. holgerpressel2013 sagte:

    Qualität und Leidenschaft verbinde ich eigentlich mit dem Fiat Abarth. Das Fahrzeug überzeugt, aber die mäßige Übersetzung spricht genau das Gegenteil aus. Echt schade, dass Champagner und Businessflüge wichtiger sind.

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