Generation Colorglas – Opel Kadett D Caravan

Nach dem ersten Tag am Steuer des gelben Opel Kadett Caravan hast Du Sonnenbrand. Weil man als Teil der Generation Colorglas vergessen hat, dass so ein Basis-Kadett von 1981 die böse UV-Strahlung eben noch nicht abschirmt.

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Ob DDR-Platte oder gelber Caravan – einfaches Fensterglas haben beide.

Überhaupt ist vieles anders im alten Opel. Schon das erste Mal starten ist spannend. Einmal Gas geben, damit die Beschleunigerpumpe ein bisserl Sprit in den Ansaugkanal schippt, danach den Zündschlüssel solange gedreht, bis einer der vier Zylinder die Arbeit aufnimmt. Ein Fuchs ist der, der mit dem Choke danach beim ersten Versuch gleich so jongliert, dass er den Kaltlauf unterstützt und den 1300er nicht direkt unwürdig absaufen lässt.

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Der Choke sitzt ganz links. Da lässt man ihn auch besser liegen.

Eh klar, wir ließen absaufen. Aber nach einer Hand voll Startversuchen konnten wir den Kadetten dann doch zu so etwas wie einem Leerlauf überreden. Auf den ersten Metern zwar noch etwas holprig, mit virtuoser Hacke-Spitze-Technik hält man ihn aber auch beim Zurückschalten in der Anbremszone am Leben. Danach dann, wenn das Kühlwasserthermometer senkrecht steht, ist endlich Zeit den modernen 1.3 Liter OHC-Motor genauer unter die Lupe zu nehmen.

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Denn der Kadett D war das wichtigste Modell, was Rüsselsheim Ende der Siebziger auf die Räder stellte. Die wohlüberlegte Antwort auf den Golf sozusagen. Das erste Mal kein Heckantrieb, sondern ein modernes platz- wie kostensparendes Layout mit querbauendem Motor und angetriebener Vorderachse. Dazu noch frische Triebwerke mit obenliegender Nockenwelle, hydraulischem Ventilspielausgleich und Zahnriementrieb, die noch bis kurz vor der Jahrtausendwende im Opel-Programm Verwendung finden sollten.

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Zahnriemenwechseltermin mit Edding auf den Schlossträger gekritzelt. Weil: Alltagseisen.

Zwar reichen 60PS heute nicht einmal mehr für Kleinwagen, so fährt der Caravan damit doch überraschend angenehm. Vor allem liegt das an der herrlich cremigen Gasannahme seines Fallstromvergasers. Die Spontanität mit der die alte Gasfabrik auf Befehle am Pedal reagiert begeistert einfach. Und das obwohl das von uns gefahrene Exemplar* mit Sicherheit Zeit seines Lebens nicht geschont wurde, im Gegenteil, die knapp 300.000 gefahrenen Kilometer dürften sehr harte Arbeit gewesen sein.

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450kg Pannenhilfeeinrichtung. Wie Sportfahrwerk, nur hinten.

Und doch macht der Kadett Spaß. Er dreht willig hoch, schnattert dabei beruhigend mit den Ventilen, legt sich beim servolos-direkten Einlenken fröhlich auf die Seite und schaukelt überhaupt lustig über Bodenwellen und Schlaglöcher. Das Innenraumklima ist stufenlos in zwei Zonen regulierbar (je eine Fensterkurbel pro Seite!), das Radio krächzt freudiges Mono durch das Armaturenbrett und auch sonst fehlt wenig zur automobilen Glückseligkeit.

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Hätten Sie ihn noch erkannt? Das Vor-Modellpflegegesicht der Kadett D ist ausgestorben.

Denn es sind die Alltagseisen die Freude bringen. Nicht die millionenteuren Pretiosen, die mit dem Taschentuch zu Tode gepflegt werden, sich die Räder eckig stehen und bloß mehr auf dem Trailer von einer manikürten Rasenfläche zur nächsten transportiert werden. Es sind die Kisten mit Patina, die nach Sprit, Öl und Fett riechen, die mit dem angegriffenen Chrom und dem abgegriffenen Lenkrad. Die, bei denen Du auf der Suche nach der Zweiten erstmal treffsicher alle anderen Gänge in der ausgelutschten Schaltkulisse findest.

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Vier Gänge. Reichen eh.

Die Kisten, die uns zu besseren Autofahrern machen, weil man noch etwas von Technik und vom Fahren verstehen muss. Die, bei denen nicht alles automatisch geht und Start-Stop an der Ampel bedeutet, dass Du die Haube lupfen und mit dem langen Schraubendreher den Magnetschalter vom Anlasser überbrücken musst.

Natürlich, heute ist alles besser. Vor allem Sicherheit und Verbrauch. Und doch: wagt den Selbstversuch. Fahrt ein Alltagseisen, es wird gefallen! Und wenn nicht, dann seid fröhlich wenn ihr eins seht. Hupt, winkt, gebt Raum. Man muss sie genießen, solange es sie noch gibt!

Disclaimer: Den Begriff Alltagseisen haben wir uns im Übrigen von unserem alten Freund Flo Steinl geborgt. Unter diesem Label findet er im Großraum Frankfurt quasi täglich neue Perlen, die sich dem alltäglichen Verkehrswahnsinn stellen und ihn ein Stück weit fröhlicher machen. Gefällt uns, euch sicher auch! Hier auf der schönen Website-Bühne und hier für das brandaktuell informierte Klickvieh auf Facebook!

* das von uns gefahrene Exemplar ist unverkennbar ein gelber Engel. Tatsächlich lief der Kadett 1.3 N Caravan von 1981 bis 1987 im ADAC Pannenhilfsdienst bei Darmstadt. Seine gut 280.000km im Einsatz hinterließen einige liebenswerte Spuren, die der ADAC bis 2001 selbst ausstellte, in jenem Jahr den Opel aber ans Werk zurückstiftete. Seither ist der gelbe Engel Teil der Classic-Sammlung und darf seine unberührte Ausrüstung dann und wann noch zum (Show-)Einsatz bringen.

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Vielen Dank an Opel Classic, die uns mit dem gelben Caravan die ADAC Opel Classic Hessen-Thüringen fahren ließen. Der WP-Sieg war da Ehrensache.

Text: FM
Bilder: Carolin Strehlein

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