Blau machen – Lincoln Continental

Den Aufruhr haben wir erst hinterher mitbekommen. Da hat sich Luc Donckerwolke doch tatsächlich auf Facebook darüber beschwert, dass der große Lincoln eine dreiste Kopie seines Flying Spur Bentleys sei.

NYIAS 2015 | new Lincoln Continental | Wallpaper 1

Unerhört, wirklich, wie können sie nur? Dabei müssten wir glatt jemanden befragen, wie lange es heute eigentlich noch Geschmacksmusterschutz auf ein Design gibt, schließlich könnte das bei den Briten gefährlich nah am Ablaufdatum schrammen. Denn: zwar schiebt Bentley jedes Jahr einen „neuen“ Continental an den Start, bloß erkennt das nur der dafür verantwortliche Designer. Für den gemeinen Rest ist und bleibt es der Continental, der schon seit knapp fünfzehn Jahren in den Parkgaragen der erfolgreichen Glitzerstein-im-Ohr-Fussballer steht.

Deshalb: lächerlich? So ein bisschen, ja.

Die nächste Klage kam von unseren Freunden aus Stuttgart. Da hat man doch glatt den Redakteur in der roten Jacke nicht für eine exklusive Sitzprobe in den Fond des Blauen gelassen. Das muss natürlich polemisch abgestraft werden – und wird sicher auch beim ersten Test noch nachgetragen. Unerhört, wirklich, wie können sie nur?

Wir rollen dem Lincoln Continental deshalb noch einmal die große Bühne aus. Ganz ohne zu ätzen und vor allem ohne beleidigt zu jammern. Denn: wir saßen vorzüglich. Haben alle Tasten gedrückt, das feine Leder befummelt und zur Feier des Tages beinahe den eingekühlten Champagner entkorkt.

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Weil das blaue Ding mit Abstand das Feinste auf der New Yorker Show war. Gut, der Boxster Spyder mit seinem Dreiachter mittschiffs, der war auch ein Kandidat, aber er war zu vorhersehbar. Mit dem Lincoln hat überhaupt keiner gerechnet. Haben die noblen Herren aus Detroit auf ihrer Heimmesse im Januar noch verschämt auf Neuigkeiten verzichtet und das betagte Modellprogramm eher peinlich berührt irgendwo hinten im Eck versteckt, so gelang ihnen mit dem großen Continental ein echtes Wunder.

Eine Luxuslimousine, wie eine Luxuslimousine sein muss. Mit Präsenz, vor allem aber: mit grandiosem Design. Sieht der klagende Bentley aus wie eine groteske Fratze der eigenen Vergangenheit, haut der Lincoln es eiskalt raus. Classy sagen sie dazu. Dem Wilhelm müsste der neue Maybach angesichts des großen Continental auch direkt peinlich sein. Weil es kein großes Show-Tamtam auf hallenfüllenden LED-Wänden braucht, kein rautengestepptes Leder in fünfzehn verschiedenen Farben und schon gar keine Zierkissen im Fond.

Nur drückt sich Luxus eben leider immer seltener in gutem Geschmack aus.

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Vielleicht ist der Frust beim werten Luc deshalb so groß, weil ihm der Lincoln zeigt, wie gut sein Entwurf hätte sein können, wenn er ein bisschen mehr Mut gehabt hätte. Mut Dinge wegzulassen, nicht alles auf Teufel komm’ raus zu überzeichnen. Oder aber, weil sie bei Lincoln einfach ein bisschen mehr Geschmack haben, als in Crewe. Vielleicht haben sie aber auch einfach ein bisschen mehr balls? Weil ihnen der Chinese egal ist, der Araber auch. Weil sie ein Auto für wenige bauen, nicht für alle.

Wir sehen gerade hier das Einzigartige. Eine Geradlinigkeit die imponiert. Da passt es nur ins Bild, dass kein fetter V8 seinen Dienst unter der Motorhaube verrichtet, sondern ein zahmer EcoBoost V6 aus dem Ford-Regal. Weil sie das Gehabe nicht mehr brauchen. Weil sie keinen Wettlauf gegen irgendjemanden gewinnen müssen. Weil sie nichts beweisen müssen. Weil sie nicht jammern, sondern einfach machen.

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Dass das Rezept vortrefflich funktioniert, zeigte unser Gesprächspartner auf dem Heimflug nach Frankfurt. Ein Designer vom Daimler, hochdekoriert, befugt die ganz heißen Dinger zu zeichnen, ohne Regeln, ohne Vorgaben, frei auf dem ganz weißen Blatt Papier. Seinen Namen möchte er hier nicht sehen, das können wir verstehen. Seine Ausführungen hingegen haben wir nicht immer verstanden. Er stieg tief in den Ring der Designersprache, erzählte uns von den tollen Linien, von der beeindruckenden Klarheit.

Und immer wieder von dieser Farbe. Von dem mächtigen Zusammenspiel dieses unglaublichen Blaus in Kombination mit dem allgegenwärtigen und doch reduziert wirkendem Chrom. Vom Innenraum mit dem schlanken, ja fast einfachen Armaturenbrett und dem Materialmix aus Alcantara, handschuhweichem Leder und knöcheltiefem Flauschteppich. Vom Chrom und geschliffenem Edelstahl.

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Es war die pure Begeisterung, die aus ihm sprach. Leuchtende Augen, große Gesten und vor allem: Größe. Anerkennung für den Wurf eines Kollegen. Bei Bentley können sie so etwas augenscheinlich nicht, bei der Auto Motor und Sport auch nicht.

Deshalb, Lincoln, baut ihn. Exakt so wie er auf der Messe stand und ganz im Geiste Henry Fords nur einer Farbe. Denn dieses Blau. Mir fehlen jetzt noch die Worte. Und überhaupt: ein Lincoln ist mehr als ein MKC, ein MKX oder ein Town Car. Ein Lincoln ist ein Continental. Eine Präsidentenlimousine. Keine für Fussballer.

Fotos: teymurvisuals weltexklusiv (scheinbar) für asphaltfrage

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