Das Beste oder nichts – Nachts im Museum 2.0

Es kommt nicht oft vor, dass ein Hersteller sein Allerheiligstes im kleinen Kreis öffnet. Schon gar nicht über Nacht. Doch am vergangenen Wochenende war es so weit als Mercedes-Benz zu „Nachts im Museum 2.0“ lud.

Einmal den Sternen ganz nah. Und obwohl wir eine wirklich spannende Führung nicht nur durch die Automobil-, sondern auch durch Zeit- und Unternehmensgeschichte bekamen, war von Anfang an klar mit wem ich mein Bett teilen würde. Da konnte der Simplex-Rennwagen noch so mit seinen Anbauteilen funkeln und die Kompressor-Elefanten mit ihrem Leistungsüberfluss protzen – es musste das Uhlenhaut-Coupé werden.

Das Beste oder nichts – dieser Spruch gilt schon beim Chassis. Kein Geringerer als der W196 Formel 1-Rennwagen spendierte den Rahmen und das Fahrwerk für den 300 SLR. Und weil Aluminium für die Karosserie zu profan und schwer gewesen wäre, klopfte man eine dünne Elektron-Haut über das Gitterrohr. Mit 90% Magnesium und nur 10% Alu war diese Legierung über ein Drittel leichter. So kam das Uhlenhaut-Coupé fahrfertig und vollgetankt auf ein Gewicht von 1117kg.

Leichtes Spiel für den Reihenachtzylinder also. Im Gegensatz zum Formel1-Motor wurde der Hubraum um einen halben Liter auf 2982cm³ erhöht, was zu einem quadratischen Bohrungs-Hub-Verhältnis führte. Um auch langfristig hohe Drehzahlen verkraften zu können, vertraute man in Untertürkheim auf eine 10fach rollengelagerte Hirth-Kurbelwelle und eine federlose Ventilsteuerung per Desmodromik. Trotz der, im Hinblick auf die Verwendung von herkömmlichem Superbenzin, geringen Verdichtung von 9:1 erreichte das M 196 S genannte Triebwerk 310PS bei 7400/min.

Zu seiner Zeit entsprach das mehr als der zwölffachen Leistung eine Volkswagens. Dementsprechend imposant fiel auch die Höchstgeschwindigkeit des 300 SLR-Coupés aus. 290km/h wurden auf deutschen Autobahnen erreicht – zu Zeiten als der Großteil der Automobilisten gerade einmal mit einem Drittel unterwegs war, die schnellsten BMW knapp 170km/h schafften und selbst der sportlichste Porsche nur etwa 200km/h schnell fuhr. Es gab also nicht viel, was Rudolf Uhlenhaut in seinem Coupé einbremsen konnte. Selbst Radarkontrollen nicht, wurden diese doch erst 1959 in der Bundesrepublik eingeführt.

Und so spulte Uhlenhaut seine Hausstrecke München-Stuttgart gerne auch mal in 60 Minuten ab, denn er war nicht nur ein genialer Konstrukteur, sondern ein mindestens ebenso begabter Fahrer. Kein geringerer als Juan-Manuel Fangio bekam dies zu spüren als er im Training zum Großen Preis von Deutschland die Abstimmung seines Rennwagens bemängelte. Denn Uhlenhaut ließ den Vorwurf nicht auf sich sitzen, stieg vom Mittagstisch in Anzug und Krawatte hinter das Steuer und umrundete die Nordschleife drei Sekunden schneller als der argentinische Weltmeister. „Er möge doch noch ein wenig üben“ sollen seine Worte gewesen sein, nachdem er den Wagen wieder in der Box an Fangio übergab.

Es sind genau diese Geschichten über den Wagen und seinen Entwickler, die das Uhlenhaut-Coupé so einzigartig machen. Auch wenn der geschlossene 300 SLR nie ein Rennen bestritt und sich mit echten Gegnern messen konnte, so ist er für uns dennoch der atemberaubendste Mercedes-Benz aller Zeiten. Und deshalb der einzig wahre Schlafplatz!

Weiterführende Links zur Nacht im Museum:

Die komplette Bildergalerie von Axel Griesingers bigblogg, die sehenswerten Fotos der Kollegen von fuenfkommasechs.de und das tolle Video von icedsoul.de

Und natürlich das myvan-Interview von den Kollegen von mein-auto-blog.de, rad-ab.com und uns!

Text: Fabian Mechtel
Bilder: Axel Griesinger, Mercedes-Benz (1)

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