Apple kauft McLaren – Warum eigentlich nicht?

Die mediale Anhängelast von Apple ist beeindruckend. Egal um was es geht, alle ziehen mit, solange man irgendeinen „leak“, einen „rumor“ oder sonst etwas aus der glitzernden kalifornischen Welt berichten kann.

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So war es dann auch gestern, als die Financial Times mit einem Bericht, dass der iPhone-Mutterkonzern in intensiven Verhandlungen zur Übernahme von McLaren steht. Helle Aufregung. Überall. Unser Twitter-Feed ist beinahe geplatzt, sämtliche Nachrichtenagenturen hatten es inert Minuten auf dem Ticker, Tech-Magazine, die Autogazetten, Blogger, überhaupt alle, die etwas Traffic von dieser Mega-Geschichte abgreifen wollten.

Das Dementi kam sofort: „Wir können bestätigen – McLaren steht nicht in Kontakt mit Apple, was ein potenzielles Investment angeht.“ Und weiter dann so: „Es liegt in der Natur unserer Marken, dass wir ständig Gespräche führen mit einer ganzen Reihe von Parteien. Wir pflegen diese Gespräche jedoch vertraulich zu behandeln.“

Bitte? Ein non-denial denial? Es geht also nicht um ein potenzielles Investment? Um ein konkretes etwa? Man kann hier alle Adjektive einsetzen, verneint wurde tatsächlich nur „potenziell“. Und: Gespräche wurden also geführt. Das sagen sie ja sogar ausdrücklich. Apple schweigt zum Thema ganz. Überhaupt halten sie ihr Autoprojekt „Titan“ selbst für ihre Verhältnisse extrem vor der Öffentlichkeit zurück.

Doch, was wäre wenn – und, warum eigentlich nicht?

Sicher, viele haben gelacht gestern. Apple und McLaren, was das sollte. Die einen bauen überteuerte Gizmos, die anderen überteuerte Sportwagen. Zwei Firmen mit Dingen, die die Welt nicht wirklich braucht. Oder: Warum den besten Fahrerautos der Welt das Fahren nehmen und stattdessen chauffiert werden?

Kompletter Schwachsinn.

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Es geht um Know-How, um Ideen und Visionen. Und es geht darum die Welt wirklich zu verändern.

Beide haben das bereits geschafft. Apples Erfolg braucht niemand näher zu erläutern und McLaren hat damals mit dem F1 (das Straßenauto, nicht die Rennserie!) nicht nur sämtliche Rekorde gebrochen, sondern der gesamten Industrie Inputs gegeben, von der wir heute noch zehren. Auch ihre aktuelle Modellpalette ist atemberaubend. Natürlich sind gute 1500 ausgelieferte Fahrzeuge pro Jahr nichts im Vergleich zu den big playern, nur: die Briten haben erst vor zehn Jahren damit angefangen.

Wir sprechen hier nicht von irgendwelchen Bastelbuden, die in einem zugigen Schuppen von schrulligen Spritköpfen zusammengenagelt werden, wir sprechen hier von unfassbar kompetenten Fahrmaschinen, die mit schier wahnsinniger Chassiskontrolle, feinsten Motoren und unglaublicher Aero-Kompetenz ganz normal mit den La Ferraris und Hyper-Porsches dieser Welt um die sportliche Vorherrschaft ringen. Und: die anderen hatten ein halbes Jahrhundert Zeit für Evolution.

McLaren revolutioniert. Apple auch. Es passt also, irgendwie.

Aber es geht ja auch gar nicht allein um McLaren Automotive, es geht um die ganze Technology Group. Und die umfasst neben dem Rennstall und der Straßenautos auch McLaren Electronic Systems und McLaren Applied Technologies.

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Hätte sie etwa gewusst, dass McLaren dem Pharmariesen GlaxoSmithKline zu einem massiven Produktivitätssprung verholfen hat, weil sie deren Abfüllanlage für Zahnpasta komplett neu konstruiert und getaktet haben? Oder, dass Herzinfarkt- wie ALS- (amyotrophe Lateralsklerose) Patienten mit von McLaren entwickelten Tracking-Systemen in ihrem Gesundheitszustand überwacht werden? Die Technologie hierfür ist eine direkte Ableitung der in der Formel 1 genutzten Telemetrie-Systeme. In Heathrow freuen sich die Passagiere über weniger Verspätungen dank eines ausgeklügelten Flugzeit-/Slotplaner von – sie können es sich denken. Tour de France-Zeitfahrer gewinnen dank Aerodynamik- und Kohlefasertricks der Briten auch ohne Doping ganz locker ihre Rennen.

Wir könnten schier endlos so weitermachen. McLaren ist ein Think Tank, wie er in der Autoindustrie selten ist. Schnell, effizient, flexibel – die Strukturen ähneln eher einem Startup, ganz im Gegensatz zu den trägen Wasserköpfen, die man in der Autoindustrie sonst findet.

Und es sind tatsächlich auch wirklich wertvolle Dinge in der Firma vorhanden, die man für ein selbstfahrendes Elektroauto gebrauchen könnte: da wäre zum einen der in der Leistungsdichte beste Elektromotor der gesamten Branche – eben jenes 200kW starkes Aggregat, mit dem McLaren die gesamte Formel E-Serie ausrüstet und ein unglaubliches Know-How in Sachen Komposit-Material, Leichtbau-Konzepten und überhaupt: Fertigung.

Denn genau das hat auch Apple stark gemacht: die Dinge, die ein Unternehmen wirklich voran bringen, entstehen im Haus, nicht bei irgendeinem Zulieferer. So fertigt Apple seine Geräte zwar irgendwo massenweise in chinesischen Werkhallen, die Prozessoren und die Software kommen aber aus Kalifornien.

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So müsste es auch bei einem wirklich fortschrittlichen Mobilitätskonzept der Zukunft laufen. Der Elektromotor, die gesamte Architektur, das Batteriekonzept und das nötige Software-Management solcher Hardware, es muss aus einer Hand kommen. Ansonsten ist es nur ein Kompromiss. Und Kompromisse bringen die Branche nicht weiter.

Apple scheint das verstanden zu haben, denn nicht umsonst haben sie ihr zusammengekauftes und hoch dekoriertes Team, das streng geheim am Autokonzept arbeitet in den letzten Monaten massiv umgestellt. Viele mussten gehen, alte Hasen kamen wieder an Bord und hinter vorgehaltener Hand sprechen viele von einem „reboot“ des gesamten Projekts. Weg von einem komplett eigenen Konzept, hin zu Aufgaben innerhalb des Autos, die Apple wirklich besser versteht als der Rest – für das Übrige kauft man sich dann eben den „full-service-Partner“ direkt ein und nicht bloß eine handvoll seiner Ingenieure und Techniker.

Denn, sind wir einmal ehrlich: 1.7 Milliarden Euro? Ein lächerlicher Preis für das Gesamtpaket McLaren. Das wissen sie bei Apple. Und denken sich: warum eigentlich nicht?

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