#radical14 – Tesla Model S P85+

game changer – ein starkes Wort. Uns fallen auf Anhieb nur ein paar Autos ein, die dieses Attribut verdienen. Das Dreirad vom alten Benz, klar. Die Rasanz der Beschleunigung ließ zwar den Kaiser nicht vom Pferd steigen, trotzdem fanden viele Gefallen an der neuen Geschwindigkeitsdimension.

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Dann das Model T von Ford. Schwarz und fließbandgefertigt. Das erste automobile Ding für die Massen. Und dann? Das Kutschenhafte wurde verlötet, es kamen Automatikgetriebe, Radialreifen, Benzineinspritzung, Servolenkung, Gurte, Allrad, Turbo, Katalysator, ABS, Airbag und ESP. (Übrigens tatsächlich in dieser Reihenfolge!)

Und dann? Kam Tesla. Leider alles andere als ein game changer. Warum? Weil der schillernde Musk zwar ein tolles Konzept auf die Räder gestellt hat, nicht aber ein neues. Tatsächlich ist das der springende Punkt: Die Elektromobilität ist ein alter Hut. So alt, dass sie schon aus der Mode war, als Johannes Heesters* noch mit der Rassel um den Christbaum lief.

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Warum wird Tesla also trotzdem so gefeiert? Weil wir uns nach Utopien sehnen. Weil wir das Unmögliche gerne möglich machen würden. Und weil wir einen Prügelknaben brauchen. Die Automobilindustrie zum Beispiel. Diesen lethargen, selbstgefälligen und profitgierigen Haufen. Geschlagen nur von der Mineralölindustrie. Diese Teufel austreiben, ja, das wäre es.

Wenn es schon mit dem Atomkraft-nein-danke-Sticker auf dem zerfressenen R4 (wahlweise VW Käfer) damals in den Siebzigern nicht geklappt hat, dann eben heute. Hochglänzend und mit der vollen Macht der internationalen PR-Welle. Elon Musk hat das verstanden wie kein Zweiter. Er hat zur richtigen Zeit (umfassend vorbereitet, dafür verdient er wirklich Respekt) in das richtige Wespennest gestochert und den Schwarm schwärmen lassen.

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Doch was hat er gemacht? Nicht etwa die elektrochemischen Vorgänge in den Batterien revolutioniert, stattdessen hat er letztere einfach skaliert. Hunderte eingekaufter Akkuzellen in ein Paket geschnürt, das Ganze schön flach in ein „skateboard“ gepackt. Dazu einen Elektromotor und die von anderen Herstellern bekannten Teile für Fahrwerk, Bremse, Klima und so weiter.

Innen gibt es Sitze, Lenkrad, Pedale und ein 17-Zoll-Touchscreen. Mehr nicht. Reicht auch, vor allem weil alle ob dieser Reduktion gleich völlig aus dem Häuschen sind. Gut gemacht, Elon. Doch was ist, wenn etwas mal nicht funktioniert? Wenn es für eine Funktion keinen Schalter gibt, den man bei nicht-funktionieren emotional ungemein wertvoll ein zweites Mal, nur eben fester, drücken kann? Was, wenn man stattdessen immer das ganze Auto per Affengriff (googlet sich recht einfach…) resetten muss?

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Gut, so etwas gehört eben dazu. Software hat ihre Fehler, das verstehen wir und es soll auch nicht als Kritik gelten. Mehr als Erklärung, warum andere Hersteller an herkömmlicherer Bedienung festhalten. Denn: der Kunde zählt. Sein Wunsch ist des Herstellers Gesetz.

Die alte Industrie hat nicht etwa einen Trend verschlafen. Sie folgt ihm schlicht nicht, weil man mit ihm kein Geld verdienen kann. Ein paar Versprengte, die ihr ökologisches Gewissen aufbessern wollen, kaufen ein Elektroauto. Ein Tesla Model S diejenigen, die drei Leasingjahre dem Aufsichtsrat zeigen wollen wie nachhaltig sie denken (und daheim 911/Gallardo/458 in der Garage wartend haben). Die breite Masse jedoch, nein. Die braucht ein vernünftiges Auto. Ein bezahlbares obendrein. Und beide Attribute treffen auf die Stromer nicht zu.

Nun aber genug des Grundsätzlichen, kommen wir zum Fahren. Und da wir hier nicht im Philosophiekurs zu Elektromobilität gelandet sind, sondern bei #radical14: schnell fahren!

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Ansatzlos knallt der beinahe Zweieinhalbtonner von der Linie, so unmittelbar, dass sich das Stammhirn auch nach dem zehnten Anfahren nicht an die Rasanz des Manövers gewöhnt hat und den Kopf satt gegen den Sitz schmettern lässt. Wirklich, es ist vielleicht der beste Weg den größten Vorteil der Elektrotraktion zu beschreiben. In e-Golf, iMiev und i3 hast Du Dich schnell an den initialen, von der Ampel loszoomenden Punch gewöhnt, im P85+ ist das anders. Seine 600Nm fühlen sich im alten, verbrennergewöhnten Koordinatensystem mehr nach 1500Nm an.

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Auch die Kurvenlage ist so schlecht nicht. Die breiten 21-Zöller des Performance-Pakets und der tiefe Schwerpunkt (dank des flachen 450kg-Akkupacks) sorgen dafür, dass Du in der Corvette am Pass schon exakt fahren und am Kurvenausgang mächtig reinsteigen musst, damit Du den Stromer auf Distanz hältst. Gut, gegen Ende der Fahrt wurde der werte Sebastian durch eine Temperaturschutzschaltung zurückgepfiffen, aber es sei dem Tesla vergönnt. Für eine solch’ radikale Ballerei ist der Bolide wohl wahrlich nicht ausgelegt worden.

Ansonsten: ein cooles Spielzeug. Gute Unterhaltung, viel Platz, ordentliche Verarbeitung.

Nur eben nicht das besondere, dass alle andere in ihm sehen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein ignoranter Trottel.

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